Sollten Sportler Probiotika nehmen?

Probiotika bei Sportlern

Probiotika sind in aller Munde. Sie kommen vor allem bei Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts zum Einsatz. Es hat sich aber gezeigt, dass sie auch bei Erkrankungen der Atemwege helfen können. Und neue Studien versprechen Sportlern sogar eine Leistungssteigerung.

Auf einen Blick

  • Die Bakterien in unserem Darm haben einen großen Einfluss auf unseren Körper
  • Mit Probiotika kann man beeinflussen, welche Bakterien sich im Darm ansiedeln.
  • Bei Sportlern können Probiotika vor allem Erkältungen und Magen-Darm-Erkrankungen vorbeugen.
  • Eine einzige Studie gibt zudem Hinweise auf eine Leistungssteigerung durch Probiotika.


Unser Darm wird von etwa 100 Billionen Bakterien aus 400 Bakterienarten besiedelt. Das Mikrobiom – also die Gesamtheit der Bakterien in unserem Körper– übt dementsprechend einen großen Einfluss auf uns aus. Wie vielfältig dieser ist, zeigt sich an der großen Zahl von Erkrankungen, bei denen in Studien an Menschen oder Tieren Erfolge mit Probiotika erzielt werden konnten. Das sind:

  • Laktoseintoleranz
  • Dickdarmkrebs
  • Erhöhte Cholesterinwerte
  • Bluthochdruck
  • Bakterielle Überbesiedlung des Dünndarms
  • Durchfall
  • Verstopfung
  • Reizdarmsyndrom
  • Chronisch entzündliche Darmerkrankungen
  • Allergien
  • Infektionen der Harnwege und
  • Osteoporose.

Auch auf die Immunfunktion und die Mineralstoffaufnahme im Darm sollen Probiotika eine günstige Wirkung haben. Diese Auflistung zeigt auch, dass sich die bisherige Forschung im Bereich Probiotika auf die Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen konzentriert hat. Mittlerweile gibt es aber auch einige Studien zu deren Wirkung speziell bei Sportlern.

Warum sind Probiotika sinnvoll?

Eine gute Gesundheit ist für Sportler äußerst wichtig, um konstant hohe Leistung bringen zu können. Und bei der Abwehr von Infektionen spielt der Darm eine entscheidende Rolle. Vor allem bei intensiven körperlichen Belastungen kann dessen Schleimhautbarriere aber gestört werden, was z.B. mit Übelkeit oder Durchfall einhergehen kann. Das liegt am ehesten daran, dass das Blut aus dem Darm in die arbeitende Muskulatur und in die Haut geleitet wird. Aber auch das ständige Auf und Ab beim Sport kann solche Beschwerden begünstigen.

Wie wirken Probiotika?

Eine wesentliche Leistung des Immunsystems ist die Unterscheidung zwischen guten und schädlichen Bakterien. Beim Training des Immunsystems an der Darmschleimhaut spielen die dort angesiedelten Bakterien eine wichtige Rolle. Probiotika sorgen wahrscheinlich für eine bessere Kommunikation zwischen dem Immunsystem und der Bakterienflora. Dafür gibt es viele verschiedene Erklärungsansätze. Einer beschäftigt sich mit von Bakterien gebildete kurzkettigen Fettsäuren. Sie beeinflussen das Gleichgewicht der Schleimhaut, indem sie die Erneuerungsrate des Epithels und die Bildung regulatorischer Immunzellen (T-Zellen) steuern.

Was sagen die Studien?

Bereits für mehrere Bakterienstämme (u.a. L. casei, L. fermentum, L. rhamnosus und Kombinationspräparate) konnte eine günstige Auswirkung auf Erkältungen nachgewiesen werden. Bei Läufern konnte die Probiotika-Gabe über den Winter die Erkältungstage mehr als halbieren und die Beschwerden bei auftretenden Infekten reduzieren. Auch weitere Studien bestätigen den Trend, dass Erkältungen nicht nur seltener auftreten, sondern auch nicht so lang dauern.

Bei Sportlern mit chronischem Erschöpfungszustand konnten die Interferon-γ-Spiegel durch die 4-wöchige Gabe von L. acidophilus wieder in den Normbereich angehoben werden. Dem liegt möglicherweise ein Defekt der regulatorischen T-Zellen zugrunde, der durch Probiotika behoben werden konnte. Eine kleine Studie an 10 Läufern fand sogar eine leicht zunehmende Laufzeit bis zur Erschöpfung in heißen Umgebungen durch Probiotikaeinnahme. Auch gastrointestinale Probleme traten seltener auf.

Ein Problem bei den bisherigen Studien ist, dass nicht alle klinische Parameter wie z.B. die Erkältungshäufigkeit erheben, sondern teilweise nur Veränderungen des Immunsystems betrachten. Die hierfür herangezogenen Immunmarker sind zudem sehr unterschiedlich. Deshalb ist es bei vielen Studien problematisch, Konsequenzen für die Praxis abzuleiten.

Empfehlungen für Sportler

Auch Probiotika können eine vollwertige Ernährung nicht ersetzen und sollten nur als Ergänzung einer gesunden Basisernährung gesehen werden. Die Einnahme von Probiotika kann bei Sportlern aber auch in der Allgemeinbevölkerung sinnvoll sein, wenn gehäuft Magen-Darm-Erkrankungen oder Erkrankungen der oberen Atemwege auftreten. Bei größeren Reisen können Probiotika auch Reisedurchfall vorbeugen.

Sportler sollten mit der Einnahme nicht unmittelbar vor wichtigen Wettkämpfen oder Trainingslagern beginnen, sondern einen Abstand von etwa 2 Wochen einhalten oder sich am besten zum Anfang oder zur Mitte der Saison an die Präparate gewöhnen. Besonders zu Beginn der Einnahme kann es nämlich zu verstärkter Magen-Darm-Tätigkeit mit Blähungen und Magengrummeln kommen. Das sollte sich nach ein paar Tagen aber wieder normalisieren. Die Bakterien benötigen etwa eine Woche, um den Darm zu besiedeln.

Zusammenfassung

Auch wenn es erste Hinweise auf eine Leistungssteigerung durch Probiotika gibt, ist die Studienlage noch zu unausgereift, um die Einnahme mit diesem Ziel zu empfehlen. Der Hauptnutzen besteht in der Prophylaxe von Magen-Darm-Erkrankungen und Erkältungen.

Quellen

Nichols, A. W. (2007). Probiotics and athletic performance: a systematic review. Current sports medicine reports, 6(4), 269-273.

Pyne, D. B., West, N. P., Cox, A. J., & Cripps, A. W. (2015). Probiotics supplementation for athletes–clinical and physiological effects. European journal of sport science, 15(1), 63-72.

Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 54 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.