Das Läuferknie – Biomechanik und Therapie des iliotibialen Bandsyndroms

Läufer auf Brücke

Das Runner’s knee, Läuferknie oder iliotibiale Bandsyndrom (ITBS) ist mit einer Inzidenz von 5-16 % die häufigste Ursache des lateralen Knieschmerzes bei Läufern. Hier erfährst du nicht nur, wie es zustande kommt, sondern auch wie man es behandeln kann.

Auf einen Blick

  • Das Läuferknie ist die zweithäufigste Verletzung des Läufers und die häufigste Ursache für lateralen Knieschmerz.
  • Es entsteht entweder durch eine Kompression der unter dem Tractus liegenden Strukturen oder durch das Reiben des iliotibialen Band (ITB) am lateralen Femurkondylus.
  • Man behandelt es mit Sportpause, Schmerzmitteln, Dehnübungen für das ITB und Kräftigung der Abduktoren im Hüftgelenk.
  • Wenn alles nicht hilft, kann das Läuferknie auch chirurgisch behandelt werden.

Anatomie

Der Tractus iliotibialis, der auch iliotibiales Band (ITB) genannt wird, ist eine bis zu 10 cm breite Verdickung der Oberschenkelfaszie. Er beginnt am Beckenkamm und zieht mit seinen Fasern zum lateralen Oberschenkel und Schienbein. Der M. gluteus maximus und der M. tensor fasciae latae strahlen in den Tractus ein und auch der M. vastus lateralis ist über seine Faszie mit ihm verbunden. Das iliotibiale Band reduziert die Biegebeanspruchung des Oberschenkelknochens sowie die Belastung des Hüftgelenks und hält zudem den Hüftkopf in der Pfanne.

Ätiologie – Wie entsteht das Läuferknie?

Es gibt im Wesentlichen zwei Theorien zur Entstehung des Läuferknies. Die eine geht davon aus, dass der sehnige Ansatz gerade oberhalb des lateralen Femurepikondylus das unter ihm liegende Gewebe (Fettgewebe mit den darin liegenden Strukturen wie z.B. Blutgefäßen) komprimiert. Die andere besagt, dass der Tractus iliotibialis bei der Kniebeugung über den lateralen Femurepikondylus reibt und durch diese chronische Reizung eine Entzündung entsteht. Zudem liegt unter dem iliotibialen Band (ITB) eine Ausziehung der Kniegelenkkapsel (synovialer Rezessus), die an der Entzündung beteiligt sein kann.

Aber nun zu möglichen Risikofaktoren. Die Kraft der Hüftabduktoren war bei Sportlern mit ITBS auf der verletzten Seite verringert. Es gibt aber nur eine Studie mit diesem Ergebnis und ob das wirklich eine Rolle spielt, bleibt daher unklar.

Bei Läufern mit und ohne ITBS unterscheiden sich aber einige kinetische und kinematische Parameter. Unterschiede wurden in der Standphase bei der Hüftadduktion, der Innenrotation im Kniegelenk und der Eversion im Subtalargelenk festgestellt. Jedoch sind die Studien widersprüchlich: die eine spricht z.B. von größerer Hüftadduktion, die andere von geringerer. Die Kräfte beim Fußaufsatz waren am lateralen Rückfuß größer, am medialen Vorfuß geringer als bei gesunden Probanden. Zudem lag bei den Patienten eine schlechtere Gelenkkoordination vor, die mit früherer Hüft- und Kniebeugung einherging. Außerdem konnte auffällig häufig (37%) eine Beinlängendifferenz festgestellt werden. X- oder O-Beine sowie Fußdeformitäten scheinen aber keinen Einfluss zu haben.

Gleiches gilt für Schuhe und Untergrund. Der typische Patient lief aber lange Strecken auf Asphalt oder Waldwegen in niedrigem Tempo mit „New Balance“-Schuhen.

Therapie

Zunächst solltest du, wenn Symptome auftreten, erstmal nicht mehr Laufen und auch andere Aktivitäten vermeiden, die Schmerzen verursachen. Außerdem solltest du die schmerzhafte Stelle kühlen. Auf der medikamentösen Seite eignen sich Wirkstoffe mit sowohl schmerzlindernder als auch entzündungshemmender Wirkung wie z.B. Ibuprofen am besten. Sie sollten aber nur eingesetzt werden, um im Alltag schmerzfrei zu werden und nicht um weiter Wettkämpfe bestreiten zu können.

Auch Cortison-Injektionen an die betroffene Stelle zeigten sich der alleinigen Injektion örtlicher Betäubungsmittel überlegen. Zudem hat sich Ultraschalltherapie als hilfreich erwiesen. Hier war insbesondere die Phonophorese (oder auch Sonophorese) mit Cortison-Creme effektiv. Tiefe Querfriktionsmassage hatte keinen zusätzlichen Nutzen.

Eins der wenigen untersuchten Rehabilitationsprogramme beinhaltete Dehnübungen für den Tractus iliotibialis (15 s, 3x/Tag) und Übungen zur Stärkung der Hüftabduktoren in Seitenlage und „pelvic drops“, die vor allem den M. gluteus medius trainieren.

Ein chirurgisches Vorgehen kommt normalerweise nur in Frage, wenn die konservative Therapie über einen längeren Zeitraum (etwa sechs Monate) keine nennenswerte Besserung bringt. Ein Verfahren ist die Entfernung des Schleimbeutels unter dem iliotibialen Band, wobei umstritten ist, ob es diesen überhaupt gibt. Eine weitere Möglichkeit ist die Entfernung des lateralen synovialen Recessus im Rahmen eine Gelenkspiegelung. Bei beiden Verfahren waren die Studienprobanden mit dem Ergebnis zufrieden.

Quellen

Baker, R. L., & Fredericson, M. (2016). Iliotibial Band Syndrome in Runners: Biomechanical Implications and Exercise Interventions. Physical medicine and rehabilitation clinics of North America, 27(1), 53-77.

Drake, R. L., Vogl, W., Mitchell, A. W., & Paulsen, F. (2007). Gray’s Anatomie für Studenten. Elsevier, Urban & Fischer.

Nickel, M., Watrin, K., & Guirguis-Blake, J. (2012). What is the best treatment for iliotibial band syndrome (ITBS)?. Evidence Based Practice 15 (3): 12.

Van der Worp, M. P., van der Horst, N., de Wijer, A., Backx, F. J., & Nijhuis-van der Sanden, M. W. (2012). Iliotibial band syndrome in runners – a systematic review. Sports medicine, 42(11), 969-992.

Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 70 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.