Ernährung bei ADHS optimieren

Ernährung bei ADHS

Immer mehr Kinder erhalten die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung) und werden auch medikamentös behandelt. Medikamente sind aber nicht ohne Nebenwirkungen und daher stellt sich die Frage, ob auch Veränderungen des Lebensstils wirksam sein könne. Insbesondere zum Thema Ernährung bei ADHS gibt es einige interessante Studien.

Auf einen Blick

  • ADHS geht mit Konzentrationsschwierigkeiten, Unaufmerksamkeit und Unruhe bzw. Hyperaktivität einher und betrifft etwa 6-7% aller Kinder und Jugendlichen.
  • Die Standardtherapie ist die Behandlung mit Methylphenidat (Ritalin, Medikinet), wobei jedoch Nebenwirkungen auftreten können.
  • Bei vielen ADHS-Patienten können Nährstoffmängel nachgewiesen werden, insbesondere bei Magnesium und Zink, welche substituiert werden sollten.
  • Zudem kann die Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren die Symptomatik verbessern.
  • Gute Wirkungen werden auch Eliminationsdiäten zugeschrieben. Insgesamt sollte man auf eine allgemein gesunde Ernährung achten.

Weltweit erhalten etwa 5,9-7,1% der Kinder und Jugendlichen die Diagnose ADHS. Dafür müssen Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität bzw. ständige Unruhe vorliegen, die sich negativ auf die Lebensführung auswirken. Die Symptome müssen in den ersten 12 Lebensjahren auftreten und für mindestens ein halbes Jahr anhalten. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen.

Was die Ursachen sind und wie ADHS entsteht ist noch nicht geklärt. Am ehesten spielen hier viele Faktoren eine Rolle, wie z.B. die Genetik, Biochemie, Psychologie und Umweltfaktoren. Vor allem eine Störung des Dopamin- und Noradrenalin-Stoffwechsels im Gehirn wird diskutiert. Beispiele für Umweltfaktoren sind der Kontakt mit Alkohol und Nikotin während der Schwangerschaft, aber auch Mangelernährung und bestimmte Nährstoffmängel.

Medikamente gegen ADHS sind nicht ohne Nebenwirkungen

Die Behandlung besteht meist aus der Patienten- und Elternschulung sowie der medikamentösen Behandlung. Das in Deutschland am weitesten verbreitete Medikament ist Methylphenidat (Handelsnamen: Ritalin, Medikinet). Methylphenidat ist ein Stimulanz des zentralen Nervensystem. Es verbessert die Aufmerksamkeit und reduziert Hyperaktivität. Nicht umsonst wird es auch von gesunden Studenten in Lern- und Prüfungsphasen missbraucht. Die Wirkungen kommen durch eine Hemmung der Dopaminaufnahme zustande. Allerdings sind diese Neurotransmitter auch an der Entwicklung des Gehirns beteiligt und die Einnahme von Methylphenidat kann dadurch zu langfristigen Veränderungen in der Struktur des Gehirns führen. Auch Nebenwirkungen sind nicht selten. Etwa ein Viertel der Patienten beklagt bei Einnahme von Methylphenidat Schlaf- und Appetitlosigkeit. Weitere Nebenwirkungen sind Gewichtsverlust, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und eine gedrückte Stimmung. Das sind viele Gründe, um andere Therapieformen in Erwägung zu ziehen. Das Immunsystem und oxidativer Stress können hier geeignete Angriffspunkte sein.

Oxidativer Stress und das Immunsystem

Im Körper besteht meistens ein Gleichgewicht aus Oxidantien und Antioxidantien. Bekannte Oxidantien sind freie Sauerstoffradikale. Diese sind hochreaktiv und verändern daher durch chemische Reaktion die Struktur anderer Moleküle. Demgegenüber stehen Antioxidantien, wie z.B. Vitamin C und E. Im Gehirn kann oxidativer Stress zu strukturellen Veränderungen und zu Veränderungen des Dopaminstoffwechsels führen. Passenderweise wurden bei ADHS in einigen Studien erhöhte Werte für oxidativen Stress nachgewiesen.

Auch das Immunsystem könnte eine Rolle bei der Entstehung von ADHS spielen. So hat man festgestellt, dass atopische Erkrankungen, wie z.B. Allergien, Asthma und Neurodermitis bei Patienten mit ADHS häufiger auftreten. Genauso werden Veränderung des Mikrobioms, also der Darmflora, diskutiert.

Ernährung bei ADHS – Mikronährstoffe

Welche Rolle spielt nun also die Ernährung? Fangen wir bei den Mikronährstoffen an. Bei gesunden Kindern mit Eisenmangel konnte man ein ähnliches Verhalten wie bei Kindern mit ADHS feststellen. Allerdings unterscheiden sich die Eisenspiegel von ADHS-Patienten nicht wesentlich von gesunden Kontrollgruppen. Dementsprechend hat sich die generelle Eisensupplementation nicht als wirksame Therapie erwiesen.

Dahingegen ist ein Magnesiummangel bei ADHS häufiger zu finden. Auch die Zinkspiegel waren niedriger. Zink spielt eine wichtige Rolle beim Dopamintransport und für die Struktur und Funktionen des Gehirns. Studien zur Zinksupplementation waren bisher aber widersprüchlich. Eine Studie mit positivem Ergebnis verwendete überdurchschnittlich hohe Zinkdosierungen (150 mg/Tag), was über einen langen Zeitraum nicht zu empfehlen ist. In einer weiteren Studie mit Zink in geringerer Dosis konnte durch die Zinkgabe die Dosierung anderer Medikamente reduziert werden. Über den Stellenwert von Selen, Kupfer, Blei und Vitamin D wird immer wieder diskutiert. Eindeutige Aussagen zu deren Wirkung bei ADHS sind bisher jedoch nicht möglich.

Omega-3-Fettsäuren

Besser sieht die Studienlage bei Omega-3-Fettsäuren aus. Bei ADHS-Patienten konnten niedrigere Omega-3-Fettsäure-Spiegel und ein schlechteres Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3-Fettsäuren festgestellt werden. Eine Supplementation führte zu einer verbesserten Symptomatik, was auch in einer Metaanalyse bestätigt wurde. Des Weiteren war auch ein Mangel an Methionin, einer essenziellen Aminosäure, mit vermehrten Beschwerden verbunden.

Polyphenole – sekundäre Pflanzenstoffe gegen ADHS?

Aufgrund ihrer sowohl antioxidativen als auch entzündungshemmenden Wirkungen waren Polyphenole immer wieder Gegenstand der Forschung. Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe die vor allem in Obst, Gemüse, grünem Tee und Rotwein enthalten sind. Ein Beispiel hierfür ist Pycnogenol® welches aus der Rinde der französischen Meereskiefer gewonnen wird. Neben antihypertensiven, entzündungshemmenden und antidiabetischen Effekten konnten in einer Placebo-kontrollierten Studie auch positive Effekte bei ADHS nachgewiesen werden. Allerdings war diese Studie relativ klein. Weitere Antioxidantien wie Ginkgo biloba oder Hypericum perforatum-Extrakt konnten dem Vergleich mit Placebo oder Methylphenidat nicht standhalten. Einzig Passiflora incarnata war in einer achtwöchigen Studie ähnlich wirksam wie Methylphenidat.

Hilft eine mediterrane Diät?

Auch wenn der Zusammenhang von Ernährung und ADHS umstritten ist, haben mehrere Studien eine Assoziation von ADHS mit einer ungesunden Ernährung festgestellt. Eine weitere Fall-Kontroll-Studie an 120 Kindern analysierte die Auswirkungen einer mediterranen Ernährung. Dabei wurden 60 Kindern mit neu diagnostiziertem ADHS weitere 60 gesunde Kinder mit gleichem Geschlecht und Alter gegenübergestellt. Die Ernährung wurde anhand eines Food Frequency Questionnaires und eines 24h-Recalls analysiert.

Dabei konnte festgestellt werden, dass Kinder mit ADHS seltener Obst und Gemüse und dafür häufiger bei Fast Food-Restaurants essen. Kinder, die sich nicht mediterran ernährten, hatten das 2,8-fache Risiko für eine ADHS-Diagnose. Das war auch nach statistischer Kontrolle für Faktoren wie Rauchen in der Schwangerschaft, das elterliche Bildungsniveau und Scheidungen weiterhin der Fall. Auch diejenigen, die viele zuckerhaltige Produkte konsumierten, hatten ein erhöhtes Risiko. In einer anderen prospektiven Kohortenstudie konnte jedoch keine Verbindung zwischen dem Zuckerkonsum und dem Auftreten von ADHS festgestellt werden. Eine Aussage über die Kausalität ist in keiner der beiden Studien möglich. Es kann also auch sein, dass ADHS dazu führt, dass Kinder ungesünder essen.

Erfolg mit Eliminationsdiäten und oligoantigener Diät

Eliminationsdiäten wurden in verschiedenen Varianten untersucht. Künstliche Lebensmittelfarbstoffe sind potenziell schädlich für die Symptomatik von ADHS. In einigen Studien verbesserte sich daher durch deren Elimination die Symptomatik. Dies war jedoch nicht in allen Studien der Fall und das Design der Studien war relativ unterschiedlich. Daher sind keine endgültigen Schlüsse möglich.

Eine andere Art der Eliminationsdiät nennt sich auch oligoantigene Diät. Hierbei wird über einen Zeitraum von meistens vier Wochen zunächst die Ernährung auf nur wenige Lebensmittel reduziert. Wenn sich die Symptomatik bessert, können schrittweise andere Lebensmittel wieder in die Ernährung aufgenommen werden. So versucht man herauszufinden, auf welche Lebensmittel das Kind mit einer verstärkten Symptomatik reagiert. Die Studienergebnisse zu dieser Ernährungsform sind vielversprechend. Viele Studien haben eine Verbesserung der Beschwerden feststellen können. Der zeitliche Aufwand ist jedoch groß, da nach der initialen Eliminationsphase schrittweise einzelne Lebensmittel ausgetestet werden müssen. Die Lebensmittel, auf die die Kinder reagieren, sind individuell unterschiedlich.

Zusammenfassung

Die eine optimale Ernährung bei ADHS ist bisher nicht bekannt. Es scheint aber zu helfen, Mikronährstoffmängel, wie z.B. bei Zink, auszugleichen. Vitamine in ungewöhnlich hohen Dosierungen sind nicht zu empfehlen. Zudem sollte der Omega-3-Fettsäuren-Status überprüft und optimiert werden. Pflanzliche Stoffe, die ihre Wirksamkeit in einigen Studien unter Beweis gestellt haben, sind Pycnogenol und Passiflora incarnata. Vielversprechend sind auch Eliminationsdiäten, diese sind aber sehr aufwendig.

Quellen

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Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 92 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.