Kinesiotape – ein Überblick der Studienlage

Kinesiotape - was sagen die Studien?

Nahezu jeder hat Kinesiotape schon gesehen oder gar selbst schon einmal „eines geklebt bekommen“. Kinesotaping in allen Farben und Formen ist mittlerweile eine weit verbreitete Methode. Doch was sagt die Forschung dazu?

Auf einen Blick

  • Kinesiotaping ist eine weit verbreitete Methode, um Sportverletzungen und Schmerzen zu behandeln. Es wird aber auch prophylaktisch oder gar mit dem Versuch der Leistungssteigerung angewendet.
  • Es gibt zahlreiche Studien zum Kinesiotaping. Die Unterschiede in der Studienmethodik erschweren aber allgemeine Rückschlüsse zum Nutzen.
  • Kinesiotaping erscheint als ergänzende Maßnahme zu Übungen und Physiotherapie sinnvoll und scheint nicht zu schaden.
  • In einigen Studien lassen sich Verbesserungen der Propriozeption und eine erhöhte/veränderte Muskelaktivität durch Kinesiotape erkennen. Auch hier lassen unterschiedlichste Studiendesigns jedoch keine klaren Schlussfolgerungen zu.


Entwickelt wurde das Kinesiotape von Kenzo Kase, einem Chiropraktiker. Das Tape startete aus Japan seinen weltweiten Eroberungszug. 2008 wurde das berühmte Kinesiotape an 58 Nationen gespendet und wurde so medial bekannt (Williams et al., 2012). Es erfreut sich seitdem immer größerer Beliebtheit, sodass das Taping nunmehr nicht nur bei Spitzensportlern zu finden ist, sondern mittlerweile auch im Breitensport große Anwendung findet. Die Indikationen sind zahlreich: So soll Kinesiotape vor Verletzungen schützen, für einen besseren Heilungsverlauf sorgen oder gar die Kraft steigern. Doch inwieweit stützen sich die Anwendungsgebiete auf eine wissenschaftliche Basis?

Fast 1000 Studien zu Kinesiotape

Die Publikationen zum Tapen sind zahlreich. Wenn man bei PubMed nach Studien zum Kinesiotaping sucht („Kinesio Tape OR Kinesiotaping“), findet man 970 Artikel. Wir versuchen uns dem Thema mit ein wenig Systematik zu nähern. Grob lassen sich die Anwendungsmöglichkeiten in 3 Bereiche einteilen:

  1. Die Verbesserung des Lymphabflusses, beispielsweise bei Bestrahlung oder OP nach Mammakarzinom (Brustkrebs)
  2. Die Nutzung des Tapes im Rahmen der Rehabilitation bei (Sport-)Verletzungen
  3. Die Anlage des Tapes zur Prävention von Sportverletzungen oder gar zur Leistungssteigerung.

Uns sollen heute insbesondere die Punkte 2 und 3 interessieren. Die meisten publizierten Studien zu Erkrankungen des Bewegungsapparates und Sportverletzungen beschäftigen sich mit Arthrose (Osteoarthritis), dem patello-femoralen Schmerzsyndrom, der lateralen Epicondylitis (Tennisellenbogen), dem subacromialen Impingement, dem Supinationstrauma des oberen Sprunggelenks und dem unkomplizierten, unteren Rückenschmerz. Leider fehlt häufig eine genauere Krankheitsbezeichnung. Um die Unmenge an Daten zu bewältigen, fokussieren wir uns hier auf die Metanalysen und systematische Reviews. Insgesamt sind in Tabelle 1 22 Meta-Analysen dargestellt. Häufig doppeln sich die Studien in den Meta-Analysen (d.h. eine Studie ist von mehreren Meta-Analysen eingeschlossen worden) und wie unschwer erkennbar ist, sind die Patientenzahlen doch eher überschaubar.

Hilft Kinesiotape?

Nun aber zu den Ergebnissen: Hilft Kinesiotaping? Die Antwort lautet: Vielleicht. Bei Betrachtung der Studien zeigt sich nämlich, wie auch von vielen Autoren der Metaanalysen angemerkt, eine hohe Heterogenität zwischen den einzelnen Studien, sodass eine abschließende, wissenschaftlich gute Beurteilung schwierig ist. Das hat mehrere Gründe:

  1. Die Kinesotaping-Anwendung: Die Dauer der Anwendung des Tapes, oder aber auch die Dauer bis zur Neuanlage variieren stark. Ebenso ist nicht einheitlich geregelt, wann der Erfolg oder Misserfolg der Therapie gemessen wird. So gibt es Studien, welche die Schmerzreduktion sofort nach Anlage vergleichen, andere erst nach mehreren Tagen oder Wochen.
  2. Der Aufbau der Vergleichsgruppen variiert stark: Es finden sich Vergleiche zwischen Übungen + Kinesotaping  vs. Übungen allein, Kinesotaping vs. kein Tape oder Kinesotaping vs. Sham-Taping. Und auch beim Sham-Taping gibt es leider keine einheitlichen Standards.
  3. Ein nicht zu verachtender Punkt ist der in vielen Studien vernachlässigte Placebo-Effekt. Gemeint ist hier nicht eine „Scheinanwendung“, sondern die nachweisbare (!) Besserung durch neurophysiologisch/biochemische/messbare Veränderungen in der Schmerzwahrnehmung. Doch dazu später mehr.

Betrachtet man nun die Resultate, so vermisst man doch häufig einen durchschlagenden Erfolg des Tapings. Die Autoren der Analysen sind bezüglich der Ableitbarkeit möglicher Resultate sehr vorsichtig und zurückhaltend. Es scheint sich aber herauszukristallisieren, dass Kinesiotape als ergänzende Maßnahme zu anderen (physio-)therapeutischen Maßnahmen durchaus hilfreich sein kann.

Zusammenfassend ist die Methodik so divers, dass bei doch relativ geringen Patientenzahlen ein abschließendes Urteil á la „Und hilft es jetzt?“ nicht gefällt werden kann. Für eine eigene Betrachtung der Daten kann gern Tabelle 1 hinzugezogen werden. Kinesotaping kann als zusätzliche Therapie neben Physiotherapie und/oder Übungen angewandt werden kann, kann sie aber nicht ersetzen.

Übersicht über die Studienlage bei Kinesiotape
Tabelle 1: Übersicht über die Studienlage bei Kinesiotape

Welche Wirkungen hat Kinesiotape?

Ähnlich einem Medikament, welches erst in vitro (im Reagenzglas), und dann in vivo (am Menschen) getestet wird, gibt es auch eine Art Grundlagenforschung zum Kinesiotaping. Wenn schon nicht ganz eindeutig geklärt ist, bei welchen Krankheitsbildern ein klarer Benefit zu erwarten ist, gehen wir einen Schritt zurück und schauen, welche Wirkmechanismen untersucht sind.

Gleich vorweg: Auch hier ist die Lage nicht ganz eindeutig. Kinesotaping soll die muskuläre Aktivität verbessern, die Bewegungsfreiheit vergrößern, die Propriozeption verbessern und für einen besseren Lymphabfluss und damit für eine bessere Heilung sorgen.

Wie beeinflusst Kinesiotaping die Kraftentwicklung?

Hier gibt es mehrere theoretische Annahmen:

  1. Möglicherweise erzeugt eine kutane Stimulation durch Kinesotape eine bessere Rekrutierung von motorischen Einheiten erzeugt und/oder
  2. Ein kontinuierlicher Zug  auf die Faszie erzeugt eine erhöhte muskuläre Kontrakation. Das führt zu einer erhöhten Muskelaktivität, diese wiederum führt zu mehr Kraft (Csapo et al., 2015).

Hinweise dafür finden sich in einer erhöhten Muskelaktivität, abgeleitet im EMG (Csapo et al., 2012; Huang et al.. 2011). Die Arbeitsgruppe um Csapo konnte eine Steigerung der isometrischen Kraft nachweisen- allerdings nur bei 12 männlichen Probanden (Csapo et al., 2012). Interessant ist, dass bei untrainierten Probanden ein größerer Effekt nachzuweisen war. Dies kann natürlich für den Effekt der Regression zur Mitte sprechen. Das bedeutet, dass bei einer „extremen“ Abweichung, hier z.B. einer sehr geringen Muskelaktivität bei den untrainierten Probanden, eine nachfolgende Messung statistisch eher zur Mitte tendiert als „noch extremer“ zu werden oder hier noch weiter nach untern abzuweichen. Natürlich kann auch eine tatsächlich bessere Rekrutierung eine mögliche Erklärung sein – gerade untrainierten Probanden haben ein großes Potenzial für Verbesserungen. Aber – wie erwähnt – wurden hier nur 12 Probanden untersucht. Die Ergebnisse sind damit sehr vorsichtig zu interpretieren.

Csapo und Kollegen haben dies nun in etwas größerem Umfang in einer Metaanalyse untersucht (Csapo et al., 2015). Hier wurden 19 Studien mit verschiedenen Krafttests (Kniestreckung, Griffkraft, Knieflexion, Plantarflexion am Fuß) eingeschlossen. Insgesamt wurden 530 Vergleiche angestellt mit dem Ergebnis, dass Kinesotaping sich nicht signifikant auf die Kraft auswirkt. Die Arbeitsgruppe um Williams kommt in einer Metanalyse zu einem ähnlichen Ergebnis. So hat Kinesotaping, wenn überhaupt, nur einen minimalen Effekt auf die Kraft (Williams et al., 2012).

Fazit: Es gibt experimentelle Hinweise auf eine Beeinflussung der Kraft, ein eindeutiger „klinischer Benefit“ konnte noch nicht nachgewiesen werden.

Kinesiotape und die Studienlage

Welchen Einfluss hat Kinesiotape auf die Propriozeption?

Die Propriozeption, also die (Eigen)wahrnehmung des Körpers im Raum anhand der Gelenkstellungen, Muskel- und Bänderaktivitäten ist einer der wichtigsten Feedbackmechanismen unseres Körpers und schon an sich mindestens (!) einen eigenen Artikel wert. Es wird postuliert, dass Kinesotaping das propriozeptive Feedback verbessern könne, doch was sagt die Wissenschaft?

Eine interessante, experimentelle Studie wurde von Lin et al. (2011) durchgeführt. Auch hier wurden – leider wieder nur an 12 Probanden

  1. Veränderungen im EMG nach Taping der Schulter und
  2. eine verbesserte Propriozeption nachgewiesen.

Aber auch hier gilt: Die Studienpopulation ist ziemlich klein. Halseth und Kollegen (2004) konnten eine verbesserte Propriozeption am Sprunggelenk bei 30 gesunden Probanden beispielsweise nicht nachweisen. Aber: Die Propriozeption wurde auch nicht verschlechtert. Somit ist nicht abschließend geklärt, ob die Propriozeption durch Kinesotaping wirklich verbessert werden kann.

Ödemrückbildung

Ödeme spielen nach Verletzung eine große Rolle im Heilungsprozess. Auch treten diese nach Operationen regelmäßig auf. Hörmann et al. (2020) versuchten hier in einer Metaanalyse den Effekt von Kinesotaping auf postoperative Ödeme und Hämatome herauszufinden. 12 Studien wurden eingeschlossen, 11 zeigten positive Ergebnisse. Nichtsdestotrotz konnte jedoch keine klassische Metanalyse durchgeführt werden, da die Methodik zu unterschiedlich war. Wie bei vielen Studien, ergaben sich hier nur unzureichende Möglichkeiten für eine Verallgemeinerung der Ergebnisse. Erwähnenswert ist aber sicher diese Abbildung aus der Publikation, welche doch eindrücklich zeigt, dass es unter dem Kinesotaping zu einer schnelleren (oder anderen?) Resorption eines Hämatoms kommt.

Kinesiotaping und Performance

Ein systematischer Review aus dem Jahre 2017 hat sich mit der Perfomance in verschiedenen Sportarten (Ballsport, Laufen, Sprint, Squat, Radfahren etc.) von Athleten mit und ohne Kinesiotaping beschäftigt. Reneker und Kollegen (2018) fanden keine Verbesserung durch das Kinesotaping. Dabei betrachteten sie insgesamt 15 Studien. Aber auch hier fanden sich sehr inhomogene Vergleichsgruppen – teils Sham-taping, teils Kinesotaping ohne Spannung, Mulligans Tape und so weiter und so fort…

Fazit: Kinesotaping zeigt in 2 von 15 Studien einen signifikanten Effekt (Kinesotaping vs. no tape; beim Fußball und bei der anaeroben Kapazität beim Radfahren), in allen anderen ist es Sham oder einer anderen Tape-Form nicht überlegen.

Insbesondere die fehlende Verblindung kann hier jedoch zu einer möglichen Verzerrung (bias) führen. Springe ich etwas höher, treffe ich etwas besser, renne etwas schneller, weil ich an das Kinesiotaping glaube? Vercelli et al. (2013) haben in einem Kommentar erwähnt, dass in einer zweiten Analyse 45 % der Probanden, welche eine Kinesotaping-Anlage erhalten haben, sich stärker fühlen. Aber auch 30% der Patienten, welche eine Placebo-Anlage erhalten haben, berichteten dies. Welchen Einfluss das Mindset auf die eigene Performance hat, was man auch wissenschaftlich nachweisen kann, das ist einen eigenen Artikel wert. Nur so viel: Es ist nicht zu unterschätzen.

Kinesiotape schadet nicht

Wie oben dargestellt, sind die Ergebnisse bezüglich der Anwendung des Kinesiotapes nicht eindeutig zugunsten des Tapings interpretierbar. Was jedoch (bis auf eine geschilderte allergische Hautreaktion auf das Tape) allen Studien gemein ist: Das Tape scheint nicht zu schaden. Es verzögert keine Heilungsverläufe oder sorgt nachhaltig für Komplikationen.  Ebenso kann man schlussfolgern: Die Ergebnisse bezüglich der Anwendung des Tapes sind nicht eindeutig gegen des Taping interpretierbar.

Erwähnenswert ist am Ende die randomisierte, kontrollierte Studie von Devereaux et al. (2016). Diese methodisch gut durchgeführte Studie umfasste 100 Patienten mit subacromialem Impingement, welche einem der drei Therapiearme zugelost wurden:

  • Kinesotaping mit Übungen
  • NSAR mit Übungen
  • ausschließlich Übungen

Spannenderweise unterscheiden sich die drei Gruppen nicht signifikant bezüglich des Outcomes bei der Kontrolluntersuchung nach 17 Tagen. Wie die Autoren richtig schlussfolgern, ist damit neben physiotherapeutischen Übungen an sich keine adjuvante Therapie mehr nötig. Falls dies doch durchgeführt werden soll, ist eine Kinesotaping-Anlage nicht signifikant besser oder schlechter als ein NSAR, bei vermutlich besserer Verträglichkeit.

Zusammenfassung

Und die Moral von der Geschicht!? Kinesiotaping schadet nicht. Im Ernst: Zusammengefasst kann keine generelle Empfehlung bezüglich Kinesiotaping „anstatt“ Physiotherapie und/oder Übungen gegeben werden. Als zusätzliche Therapie, insbesondere, wenn der Patient/Athlet dran glaubt, scheint dies nicht zu schaden. Je nach Erkrankungsbild und Zweck der Anlage gibt es vereinzelt Hinweise, dass dort auch messbare Veränderungen eintreten (z.B. bei Ödemen) und dem Patienten und Athleten nutzen könnten.

Quellen

Williams, S., Whatman, C., Hume, P. A. & Sheerin, K. Kinesio taping in treatment and prevention of sports injuries: a meta-analysis of the evidence for its effectiveness. Sports Med. Auckl. NZ 42, 153–164 (2012).

Csapo, R. & Alegre, L. M. Effects of Kinesio(®) taping on skeletal muscle strength-A meta-analysis of current evidence. J. Sci. Med. Sport 18, 450–456 (2015).

Csapo, R., Herceg, M., Alegre, L. M., Crevenna, R. & Pieber, K. Do kinaesthetic tapes affect plantarflexor muscle performance? J. Sports Sci. 30, 1513–1519 (2012).

Huang, C.-Y., Hsieh, T.-H., Lu, S.-C. & Su, F.-C. Effect of the Kinesio tape to muscle activity and vertical jump performance in healthy inactive people. Biomed. Eng. Online 10, 70 (2011).

Lin, J., Hung, C.-J. & Yang, P.-L. The effects of scapular taping on electromyographic muscle activity and proprioception feedback in healthy shoulders. J. Orthop. Res. Off. Publ. Orthop. Res. Soc. 29, 53–57 (2011).

Halseth, T., McChesney, J. W., Debeliso, M., Vaughn, R. & Lien, J. The effects of kinesioTM taping on proprioception at the ankle. J. Sports Sci. Med. 3, 1–7 (2004).

Hörmann, J., Vach, W., Jakob, M., Seghers, S. & Saxer, F. Kinesiotaping for postoperative oedema – what is the evidence? A systematic review. BMC Sports Sci. Med. Rehabil. 12, 14 (2020).

Reneker, J. C., Latham, L., McGlawn, R. & Reneker, M. R. Effectiveness of kinesiology tape on sports performance abilities in athletes: A systematic review. Phys. Ther. Sport Off. J. Assoc. Chart. Physiother. Sports Med. 31, 83–98 (2018).

Vercelli, S., Ferriero, G., Bravini, E. & Sartorio, F. How much is Kinesio taping a psychological crutch? Man. Ther. 18, e11 (2013).

Devereaux, M., Velanoski, K. Q., Pennings, A. & Elmaraghy, A. Short-Term Effectiveness of Precut Kinesiology Tape Versus an NSAID as Adjuvant Treatment to Exercise for Subacromial Impingement: A Randomized Controlled Trial. Clin. J. Sport Med. Off. J. Can. Acad. Sport Med. 26, 24–32 (2016).

Thomas Okon
Über Thomas Okon 1 Artikel
Dr. Thomas Okon ist Arzt und in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Seine Wurzeln hat er in der Inneren Medizin. Er befindet sich zudem in der Weiterbildung zum Sportmediziner. Thomas ist leidenschaftlicher „CrossFitter“ und ist CrossFit Level 1 Coach. Zudem ist er Concept2-Indoor Rower Instructor. Neben dem CrossFit gehören Lauftraining, Radsport und Kitesurfen zu seinen sportlichen Aktivitäten.