Mehr Bewegung, weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Mehr Bewegung, weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wie viel sollte man sich bewegen? Ist mehr immer besser? Bisher schien es so, als sei mehr Bewegung nicht immer besser, sondern nur bis zu einem bestimmten Schwellenwert. Dagegen sprechen die Ergebnisse einer neuen Studie.

Auf einen Blick

  • Studien, die bisher den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersuchten, fanden eine Schwelle, bei der mehr Bewegung nicht mehr zu einer weiteren Risikoreduktion führt.
  • Bisherige Studien erhoben die Aktivität in der Regel über Fragebögen.
  • Eine neue Studie untersuchte die körperliche Aktivität mit Beschleunigungssensoren. Diese Verfahren ist zuverlässiger als die Erhebung mit Fragebögen.
  • Die Autoren fanden einen linearen Zusammenhang, ohne dass es eine Schwelle gibt, ab der keine weitere Risikoreduktion mehr messbar war. Mehr Bewegung führte also durchweg zu weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Wie viel Bewegung ist gesund? Gibt es irgendwann ein zu viel? Bisher zeigte sich in den meisten Studien, dass mit zunehmendem Aktivitätsniveau Herz-Kreislauf-Erkrankungen seltener auftreten. Allerdings erreicht dieser Zusammenhang irgendwann eine Schwelle, an der mehr Aktivität nicht mehr zu einer weiteren Risikoreduktion führt, sondern möglicherweise sogar das Risiko wieder ansteigt.

Neue Studie lässt an Schwelle bei Bewegung zweifeln

Eine neue Studie sagt allerdings, dass es diese Schwelle nicht gibt. Sollten wir jetzt der neuen Studie oder den alten Studien trauen? Vielleicht schon allein, weil sie neuer ist?

Um es gleich vorwegzunehmen: das Erscheinungsdatum einer Studie hat keinen Einfluss auf ihre Aussagekraft und alte Studien verlieren nur ihre Aussagekraft, wenn sich die Bedingungen, die während der Studie vorherrschten, grundlegend verändert haben. Das ist hier aber nicht der Fall. Wie kommt es also, dass die neue Studie zu einem anderen Ergebnis gelangt?

Bewegung mit Beschleunigungssensoren erheben

Der Unterschied zu den bisherigen Studien ist, dass das Aktivitätsniveau bisher mittels Fragebögen erhoben wurde. Das ist mit Ungenauigkeiten behaftet. Im Gegensatz dazu wurde in dieser Studie die Aktivität mit Beschleunigungssensoren objektiv erfasst. Diese werden in der Regel am Handgelenk getragen. Bei den 90211 gesunden Probanden aus der UK Biobank-Kohorte, die über 7 Tage einen Beschleunigungssensor trugen, wurde untersucht, wie häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftraten. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 62 Jahre alt und wurden über 61,9 Monate, also ca. 5 Jahre, nachverfolgt. Insgesamt trat bei 3617 Studienteilnehmen eine Herz-Kreislauf-Erkrankung auf. Dabei zeigte sich, dass mehr Bewegung auch mit einem geringeren Risiko einherging – ohne dass es dabei einen Schwellenwert gab, ab dem keine zusätzliche Risikoreduktion mehr zu beobachten war.

Das Viertel der Probanden mit dem höchsten Aktivitätsniveau hatte ein 53% geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen als das Viertel mit dem geringsten Aktivitätsniveau. Auch das Ausschließen von Patienten mit wesentlich Begleiterkrankungen wie Krebs oder Diabetes veränderte die Ergebnisse nicht wesentlich. Weniger Bewegung war gleichzeitig mit einem höheren BMI assoziiert, zudem rauchten und tranken diese Probanden mehr und hatten z.B. häufiger Bluthochdruck. Aber auch die Berücksichtigung dieser Faktoren sowie von Blutfettwerten und der Ernährung veränderten die Risiken nur um 6,6% bis 18%.

Damit ist der hier gemessene Effekt größer als in Studien, die die Aktivität mit Fragebögen erheben. Diese Tendenz war aber auch schon in anderen Studien erkennbar, die sich den Einfluss körperlicher Aktivität auf die Mortalität anschauten. Hier konnten in Studien, in denen Beschleunigungssensoren zum Einsatz kamen, ebenfalls größere Effekte beobachtet werden, als in Studien, die sich auf Fragebögen verließen.

Fazit

Ein bisschen Bewegung ist gut, aber mehr ist besser!

Quelle

Ramakrishnan, R., Doherty, A., Smith-Byrne, K., Rahimi, K., Bennett, D., Woodward, M., … & Dwyer, T. (2021). Accelerometer measured physical activity and the incidence of cardiovascular disease: Evidence from the UK Biobank cohort study. PLoS medicine, 18(1), e1003487.

Über Jonathan Häußer 106 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.