Die weiche Leiste oder Sportlerleiste

Die weiche Leiste und Sportlerleiste
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Chronische Leistenbeschwerden – und damit auch die weiche Leiste – finden in den letzten Jahren zunehmendes wissenschaftliches als auch öffentliches Interesse. Sie betreffen bis zu 20% der aktiven Spieler in Sportarten wie Fußball, Eishockey und American Football und führen häufig zu langen Ausfallzeiten mit verheerenden Folgen sowohl für die Mannschaft als auch für den Spieler selbst. Oft wird hier die Diagnose der „weichen Leiste“ oder „Sportlerleiste“ gestellt. Doch was genau ist hier die Pathologie, wie kann man sie behandeln und vor allem wie kann man ihr vorbeugen?

Auf einen Blick

  • Knapp 60% der Fußballer auf professionellem Niveau leiden in ihrer Karriere an Leistenbeschwerden.
  • Chronische Leistenbeschwerden treten häufig bei Sportarten auf, welche explosive Richtungswechsel, schnelle Be- und Entschleunigungen, sowie Schussbewegungen enthalten.
  • Es kommen eine Vielzahl an Differentialdiagnosen in Betracht, deren genaue klinische Differenzierung schwierig, aber ausschlaggebend für die Therapie ist.
  • Eine weiche Leiste ist überwiegend von einer Schwäche der unteren, inneren Bauchwandschichten, insbesondere der Fascia transversalis abdominis und des inneren Leistenringes geprägt.
  • Es sollte zunächst ein konservativer, sporttherapeutischer Behandlungsansatz gewählt werden. Nach mehreren Monaten ohne adäquate Schmerzlinderung sollte ein operativer Eingriff in Betracht gezogen werden.
  • Sportler aus Risikosportarten sollten zur Prävention ein gezieltes und progressives Krafttraining der Rumpfmuskulatur, sowie der Adduktoren durchführen.

Häufig sind Fußballer von der weichen Leiste betroffen

Chronische Leistenbeschwerden treten häufig bei Athleten aus Sportarten auf, welche explosive Richtungswechsel, schnelle Be- und Entschleunigungen, sowie Schussbewegungen oder ähnliche Bewegungsmuster beinhalten, in welchen jeweils ein Fuß auf dem Boden fixiert ist und zusätzlich eine Rotationsbewegung in der Hüfte ausgeführt wird. Typische Beispiele sind hier Fußball, Eishockey oder American Football. Männer sind häufiger betroffen, da ein schmaleres Becken zu größeren Scherkräften an der Schambeinfuge und weniger Stabilität führt als das breitere weibliche Becken.

Aktuelle Studien bestätigen, dass knapp 60% der aktiven Fußballer auf professionellem Niveau während ihrer Karriere an einer Episode akuten oder chronischen Leistenschmerzes leiden und dass etwa jede zehnte verletzungsbedingte Spielpause im Fußball durch Leistenbeschwerden bedingt ist.

Differentialdiagnose Leistenschmerz

Trotz der Häufigkeit von Leistenbeschwerden bei Sportlern zeigt sich nach wie vor eine große diagnostische Unsicherheit. Es kommen eine Vielzahl an Differentialdiagnosen in Betracht, deren genaue klinische Differenzierung aufgrund einer ähnlichen Symptomatik oft schwierig ist. Mögliche Pathologien sind hier Schädigungen der Adduktoren und der Bauchmuskulatur in Form von Insertionstendinopathien und Muskelfaserrissen; Schambeinentzündungen (Ostitis pubis); Schwächungen des Leistenkanals; sowie nervale Engpasssyndrome und Schädigungen des Hüftgelenks (femoroacetabuläres Impingement, Frakturen, Dysplasien, Arthrose).

Zudem kommt es bei ca. 40% der betroffenen zu einem vorliegen mehrerer klinischer Entitäten. Dabei ist die klare Differenzierung der zugrundeliegenden Pathologie jedoch entscheidend, um unnötige Operationen zu vermeiden, dauerhaften Schäden vorzubeugen und den Patienten einer zielgerichteten Therapie zuzuführen.

Was ist die „Weiche Leiste“?

In den 90er Jahren wurde als Ursache chronischer Leistenschmerzen noch bei jedem zweiten betroffenen Sportler die klinische Diagnose der „Weichen Leiste“ gestellt. Damals war damit per Definition eine klare strukturelle Schwäche im Bereich des Leistenkanals als eigenständige Differentialdiagnose im Sinne einer „beginnenden“ oder sehr kleinen Leistenhernie gemeint. Die Therapie unterschied sich somit nicht von der Behandlung einer herkömmlichen Leistenhernie.

Es folgten vermehrt klinische Berichte asymptomatischer zufällig diagnostizierter Leistenhernien und bilateraler Hernien bei unilateralen Beschwerdesymptomatiken. Zudem kam es bei vielen Sportlern, welche nach einer Hernien-OP weiterhin Beschwerden angaben, zu einer alternativen Diagnose. Der Stellenwert eines Hernienbefundes bei chronischen Leistenbeschwerden wird daher aktuell als gering eingeschätzt. Eine mögliche Hernie ist somit meist nur eine Begleiterscheinung. In über 90% der Fälle liegt dem chronischen Leistenschmerz des Sportlers eine alternative Ursache zu Grunde. Heutzutage geht man trotz einer immer noch bestehenden Vielzahl anatomisch pathophysiologischer Theorien bei einer weichen Leiste überwiegend von einer Schwäche der unteren, inneren Bauchwandschichten, insbesondere der Fascia transversalis abdominis und des inneren Leistenringes aus. Zusätzlich können kleinere Läsionen der Insertion des Musculus rectus abdominis und der Conjoint tendon, oder eine Nervenkompression des R. genitalis und des N. genitofemoralis vorliegen.

Wie entsteht die weiche Leiste?

Bei wiederholten Be- und Entschleunigungen sowie Richtungswechseln kommt es zu hohen Belastungsspitzen im Becken. Auch im Fußball entsteht insbesondere in der Standphase der Schussbewegung eine hohe Belastung des Beckens und der gesamten ventralen Kette. Hierbei werden hohe Ansprüche an die Rumpf- und Beckenmuskulatur gestellt, um das Becken zu stabilisieren. Oft kommt es jedoch zu einem Ungleichgewicht bei einer stark ausgeprägten Hüftbeugemuskulatur in Kombination mit einer zu schwachen unteren Bauchmuskulatur. Dadurch kippt das Becken nach vorne, was in einer erhöhten Spannung auf die Adduktoren und die untere Bauchmuskulatur resultiert. Das Becken kann in den oben beschriebenen Belastungssituationen nicht mehr stabilisiert werden. Es treten Überlastungserscheinungen auf, welche langfristig zu einer „weichen Leiste“ führen können.

Therapie der Sportlerleiste

Bei einer isolierten Diagnose der weichen Leiste mit Ausschluss von anderweitigen Erkrankungen des Hüftgelenks sollte zunächst immer ein konservativer Behandlungsansatz gewählt werden. Nach einer 2-3-wöchigen Sportpause, in welcher die akute Entzündung abklingt, sollte eine Kräftigung der Adduktoren, sowie der unteren Bauchmuskulatur erfolgen und eine mögliche Hyperlordose in Folge einer muskulären Dysbalance behandelt werden. Schmerzauslösende Bewegungen (Sprints, Schüsse etc.) sollten in dieser Zeit unbedingt vermieden werden. Die Dauer einer konservativen Behandlung ist immer individuell zu entscheiden. In der Literatur wird ein Zeitraum von 6 Wochen bis zu mehreren Monaten empfohlen. Aufgrund des hohen Zeitdrucks wird im professionellen Bereich der konservative Behandlungsversuch bei einem Auftreten der Beschwerden innerhalb der Saison oft auf 2 bis 4 Wochen verkürzt. Sofern nach diesem Zeitraum keine adäquate Besserung der Beschwerden eingetreten ist, kommen operative Maßnahmen in Betracht.

In der überwiegenden Anzahl erfolgt eine offene oder laparoskopische Revision der Bauchwand mit deren Stärkung durch Weichteilduplikaturen oder Graft-Einlagen. Laparoskopische Verfahren sind offenen Verfahren dabei in puncto Rekonvaleszenz und schmerzassoziierten Parametern überlegen, wenngleich offene Verfahren geringere Rezidivraten aufweisen und der Operateur intraoperativ mögliche Begleitverletzungen besser erkennen und behandeln kann. In einer Meta-Analyse konnte kein signifikanter Vorteil eines der beiden Verfahren gegenüber dem anderen festgestellt werden, sodass die gewählte Operationsmethode im Einzelfall mit dem Sportler entschieden werden sollte.

Unabhängig von der gewählten Methode können ca. 85% der Sportler nach 8 Wochen ihren Sport wieder beschwerdefrei auf Wettkampfniveau ausführen. Es wird postuliert, dass diese hohe Erfolgsquote teilweise auf der postoperativen Sportpause und anschließenden Reha-Maßnahmen resultiert und weniger auf den intraoperativen Maßnahmen. Studien zeigen ein positives Outcome in 95% laparoskopisch operierter Sportler ohne jegliche intraoperative, makroskopische Pathologie. Dies unterstreicht den Wert eines konservativen Behandlungsversuches, um nicht notwendige Operationen zu vermeiden.

Prävention der weichen Leiste

Zur Prävention von chronische Leistenschmerzen sollten insbesondere Sportler aus Risikosportarten wie Fußball, American Football und Eishockey ein gezieltes und progressives Krafttraining zur Stärkung der Rumpfmuskulatur, sowie der Adduktoren durchführen. Eine Übung, die besonders wirksam ist, haben wir euch bereits vorgestellt: Die Copenhagen-Adduction.

Zusammenfassung

Chronische Leistenbeschwerden treten häufig bei Sportarten auf, welche explosive Richtungswechsel, schnelle Be- und Entschleunigungen, sowie Schussbewegungen enthalten. In Risikosportarten sind bis zu 20% der aktiven Spieler betroffen. Es kommen eine Vielzahl an Differentialdiagnosen in Betracht, deren genaue klinische Differenzierung schwierig, aber ausschlaggebend für die Therapie ist. Aktuell geht man davon aus, dass eine weichen Leiste überwiegend von einer Schwäche der unteren, inneren Bauchwandschichten, insbesondere der Fascia transversalis abdominis und des inneren Leistenringes geprägt ist. Eine Leistenhernie liegt hier, entgegen früheren Betrachtungen, nicht immer vor und ist meistens nicht die Schmerzursache. Es sollte zunächst ein konservativer, sporttherapeutischer Behandlungsansatz gewählt werden. Nach mehreren Monaten ohne adäquate Schmerzlinderung kann ein operativer Eingriff in Form einer offenen oder laparoskopischen Revision der Bauchwand mit deren Stärkung durch Weichteilduplikaturen oder Graft-Einlagen in Betracht gezogen werden. Sportler aus Risikosportarten sollten zur Prävention ein gezieltes und progressives Krafttraining der Rumpfmuskulatur, sowie der Adduktoren durchführen.

Quellen

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Über Léon Schneider 4 Artikel
Léon Schneider ist angehender Sportwissenschaftler mit dem sportmedizinischen Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation durch Sport. Neben dem Studium arbeitet er als Personal Coach, Skilehrer und führt Leistungsdiagnostiken durch. In seiner Freizeit ist er begeisterter Fußballer.