Leistungsunterschiede zwischen Mann und Frau im Sport

Leistungsunterschiede zwischen Mann und Frau

Männer und Frauen sind unterschiedlich leistungsstark. Das zeigt sich besonders im Sport. Die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen haben größere und kleinere Leistungsunterschiede in fast allen Sportarten zur Folge. Die Ursachen dafür sind in der sich unterscheidenden Physiologie zu finden.

Auf einen Blick

  • Frauen waren lange im Sport benachteiligt. Nachdem sie auch an großen Wettbewerben teilnehmen durften, näherten sich ihre Zeiten schnell denen der männlichen Athleten an.
  • Mittlerweile haben sich die Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen – je nach Sportart – bei ca. 10% stabilisiert.
  • Die Unterschiede sind auf die größere kardiopulmonale Leistungsfähigkeit und die größere Muskelmasse der Männer zurückzuführen. Ursächlich hierfür sind unter anderem die unterschiedlichen Hormonspiegel.

Geschichte des Frauensports

Frauen waren lange Zeit vom organisierten Sport ausgeschlossen. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit im Jahr 1896 durften keine Frauen teilnehmen, da man besorgt war, beim Sport könnten die Reproduktionsorgane verletzt werden. Im frühen 20. Jahrhundert wurde die Teilnahme von Frauen schrittweise erlaubt, war jedoch auf Sportarten wie Bogenschießen, Rasentennis, Eiskunstlauf und Schwimmen beschränkt. In den USA erhielt der Frauensport einen großen Aufschwung, nachdem im Jahr 1972 ein Gesetz verabschiedet wurde, welches die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch im Sport verbot (Bassett, 2020).

Aufholjagd bei den Rekorden der Frauen

Der Marathon für Frauen fand erst 1984 seinen Weg ins olympische Programm. Dadurch dass der Hochleistungssport der Frauen erst deutlich später Verbreitung fand, näherten sich die Rekordzeiten der Frauen und Männer in den 1980er Jahren rasch an. Man dachte, dass die Frauen die Männer bald überholen würden. Jedoch verblieb ein durchschnittlicher Leistungsunterschied, der sich mit der Zeit stabilisierte. Im Jahr 1989 lag dieser in den Leichtathletikdisziplinen bei 10,4%. In der Folgezeit hat er sogar wieder etwas zugenommen auf nun 11,01%. Grund hierfür ist wohl hauptsächlich das systematische Doping der Ostblockstaaten in den 70ern und 80ern. So liefen 1984 noch 38 Frauen die 1500 m in weniger als 4:05 min, 1991 waren es nur noch 9 (Holden, 2004).

Geschlechtsunterschiede im Sport – physiologische Grundlagen

Die Ursachen für diese Differenzen sind dabei in der unterschiedlichen Physiologie der beiden Geschlechter zu suchen. Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen auf verschiedenen Ebenen. Das betrifft zum einen die Anthropometrie, die Skelettmuskulatur aber auch die aerobe und anaerobe Kapazität sowie Hämoglobinkonzentration und Hormonspiegel (Bassett, 2020).

Männer haben größere kardiopulmonale Leistungsfähigkeit

Sowohl die Herzfunktion als auch die Regulation der Herzfunktion während der Belastung werden vom Geschlecht beeinflusst. Frauen haben kleinere Herzen. Bei ihnen sind vor allem das linksventrikuläre Volumen und die linksventrikuläre Masse geringer. Das führt zu einem geringeren Schlagvolumen und geringeren Herzzeitvolumen im Vergleich zu Männern (Bassett, 2020).

Auch die Regulation unter Belastung unterscheidet sich. Im Allgemeinen führt eine Gefäßweitstellung (periphere Vasodilatation) zu einem Abfallen des totalen peripheren Widerstandes. Dieser fällt bei Männern jedoch geringer aus, was auf einen erhöhten Sympathikotonus (Aktivität des sympathischen Nervensystems) zurückgeführt wird. Dieser sorgt auch für eine bessere Herzkontraktilität. Damit gehen ein größeres Schlagvolumen und auch ein größeres Herzzeitvolumen bei Männern einher. Weil Frauen das Herzzeitvolumen nur begrenzt über das Schlagvolumen regulieren können, tun sie dies vermehrt über die Herzfrequenz. Nun ist die maximale Herzfrequenz bei Männern und Frauen aber vergleichbar und so ergibt sich ein geringeres Herzzeitvolumen bei Frauen (Bassett, 2020).

Darüber hinaus haben Frauen ein geringeres Blutvolumen, weniger rote Blutkörperchen und eine geringere Hämoglobinkonzentration. All das führt zu einen VO2max die etwa 20% geringer ist als bei Männern (Bassett, 2020).

Auch die Lungenfunktion und -struktur unterscheidet sich zwischen Männern und Frauen. Frauen haben kleinere Lungenvolumina und kleinere Atemwegsdurchmesser. Zusammen mit der kleineren Anzahl an Alveolen führt das zu einer geringeren Diffusionskapazität in Ruhe, einer geringeren Vitalkapazität und einem geringeren exspiratorischen Spitzenfluss. Dadurch müssen Frauen eine höhere Atemarbeit während der Belastung verrichten (Bassett, 2020).

Weniger Muskelmasse bei Frauen

Von Seiten der Muskulatur zeigen sich bei Frauen eine geringere Querschnittsfläche und geringere Muskelmasse. Das hat auch damit zu tun, dass der Querschnitt der einzelnen Muskelfasern kleiner ist als bei Männern. Diese Unterschiede sind maßgeblich durch die höheren Testosteronspiegel bei Männern vermittelt (Bassett, 2020).

Der Anteil an Typ I-Fasern ist bei Frauen höher, Männer haben hingegen mehr Typ IIA-Fasern. Das führt bei Frauen zu einer geringeren Muskelkraft und geringeren Kontraktionsgeschwindigkeit. Dafür haben Frauen durch die vermehrten Typ I-Fasern eine bessere Ermüdungswiderstandsfähigkeit und kürzere Erholungszeit als Männer (Bassett, 2020).

Auch die Knochendichte ist im Allgemeinen bei Frauen geringer. Zudem hat sich gezeigt, dass Frauen im Verlauf ihres Lebens früher und schneller Knochenmasse verlieren. Daraus ergibt sich ein höheres Risiko für Stressfrakturen und Osteoporose sowie osteoporotische Frakturen (Bassett, 2020). Zudem ist die Knochenoberfläche bei Männern ca. 10 % größer, was auch mehr Muskeln Ansatzstellen bietet. Die Oberkörperkraft bei Männern ist damit etwa 44 % größer als bei Frauen (Knox et al., 2019).

Wenig Unterschiede beim Energiestoffwechsel zwischen Mann und Frau

Beim Energiestoffwechsel gibt es nur wenige Unterschiede. Frauen können bei längeren Belastungen mehr Fett verstoffwechseln, Männer verbrennen hingegen mehr Eiweiß und Kohlenhydrate. Die Fähigkeit in der Erholungsphase Glykogen wieder aufzubauen ist aber bei beiden Geschlechtern gleich. Gleiches gilt für die Bedürfnisse nach dem Training oder Wettkampf. Hier profitieren sowohl Männer als auch Frauen von der schnellen Kohlenhydratzufuhr (Bassett, 2020).

Hormonhaushalte unterscheiden sich deutlich zwischen den Geschlechtern

Beim Hormonhaushalt zeigen sich deutliche Geschlechtsunterschiede. Männer haben höhere Testosteronspiegel, während Frauen höhere Östrogenspiegel haben. Das Testosteron fördert die Muskelhypertrophie und die Synthese von Typ II-Fasern. Östrogen hingegen fördert die Ausbildung von Typ I-Fasern. Zudem senkt Östrogen den Sympathikotonus, wodurch auch der Blutdruck und der totale periphere Widerstand sinken. Zudem sind Veränderungen der Leistungsfähigkeit und des Verletzungsrisikos im Verlauf des Menstruationszyklus beschrieben (Bassett, 2020).

Manche Verletzungen sind bei Frauen häufiger

Insgesamt ist das Verletzungsrisiko bei Männern höher. In der Leichtathletik war die Wahrscheinlichkeit für Verletzungen 35 % über dem Risiko der Frauen. Am meisten waren die Oberschenkel betroffen.

Jedoch findet man bei Frauen häufiger multidirektionale Schulterinstabilitäten und das Risiko für Kreuzbandrisse ist um bis zu das 10fache erhöht. Es gibt bei Frauen zudem häufiger Patellainstabilitäten und auch Sprunggelenksverletzung treten häufiger auf. Aufgrund der schon besprochenen Differenzen bei der Knochendichte sind auch Stressfrakturen bei Frauen doppelt so häufig wie bei Männern (Bassett, 2020).

Leistungsunterschiede nach Sportarten

So verschieden Sportarten sind, so verschieden sind auch die Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen. Grundsätzlich zeigt sich jedoch, dass Männer leistungsfähiger sind. Wie weiter oben schon angedeutet, gibt es einen durchschnittlichen Leistungsunterschied von 10,4%. Dieser variiert aber nach Sportart (Bassett, 2020). Thibault et al. (2010) fanden einen Leistungsunterschied von durchschnittlich 9,97% (siehe Abbildung 1).

Leistungsunterschiede zwischen Mann und Frau in verschiedenen Sportarten
Abbildung 1: Leistungsdifferenzen zwischen Männern und Frauen nach Sportart (Thibault et al., 2010).. Bei Streckenangaben ohne nähere Angabe Disziplin handelt es sich um Laufdisziplinen

Im Langdistanztriathlon zeigte sich eine Differenz von 12,6 %, auf kurzen Distanzen war der Unterschied größer. Interessanterweise nimmt der Unterschied beim Schwimmen mit zunehmender Distanz weiter ab. Die gute Leistung der Frauen im Vergleich zu den Männern beim Schwimmen wird auf die bessere lokale Muskelausdauer bei geringen Intensitäten zurückgeführt und die Fähigkeit, besser Fett zu verstoffwechseln. Zudem haben Frauen durch ihren höheren Körperfettanteil eine bessere Isolation gegen die Kälte des Wassers und gleichzeitig mehr Auftrieb. So zeigte sich auch ein nur sehr geringer Unterschied bei Ultradistanz-Schwimmwettbewerben. Teilweise kamen hier sogar Frauen vor den besten Männern ins Ziel (Bassett, 2020).

Zusammenfassung

Auch wenn die Frauen mit ihren Rekordzeiten sich erst mit großen Schritten den männlichen annäherten, haben sich die Leistungsunterschiede bei etwa 10% stabilisiert. Ursachen hierfür sind in der unterschiedlichen Physiologie, insbesondere der besseren kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit und größeren Muskelmasse der Männer zu finden.

Quellen

Bassett, A. J., Ahlmen, A., Rosendorf, J. M., Romeo, A. A., Erickson, B. J., & Bishop, M. E. (2020). The Biology of Sex and Sport. JBJS reviews, 8(3), e0140. https://doi.org/10.2106/JBJS.RVW.19.00140

Holden C. (2004). An everlasting gender gap?. Science (New York, N.Y.), 305(5684), 639–640. https://doi.org/10.1126/science.305.5684.639

Knox, T., Anderson, L. C., & Heather, A. (2019). Transwomen in elite sport: scientific and ethical considerations. Journal of medical ethics, 45(6), 395–403. https://doi.org/10.1136/medethics-2018-105208

Thibault, V., Guillaume, M., Berthelot, G., Helou, N. E., Schaal, K., Quinquis, L., Nassif, H., Tafflet, M., Escolano, S., Hermine, O., & Toussaint, J. F. (2010). Women and Men in Sport Performance: The Gender Gap has not Evolved since 1983. Journal of sports science & medicine, 9(2), 214–223.

Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 115 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.