Sport mit Epilepsie

Sport bei Epilepsie
Foto: Keli Black auf Pixabay

Für Menschen mit Epilepsie wurde lange Zeit ein Sportverbot ausgesprochen. Das lag meistens an der Angst davor, dass Sport Anfälle herbeiführen könnte oder Verletzungen beim Sport auftreten könnten. Auf der anderen Seite hat Sport viele positive Wirkungen auf die Lebensqualität und beugt zahlreichen anderen Erkrankungen vor. Die Erkenntnisse der letzten Jahre stellen das Sportverbot in Frage.

Auf einen Blick

  • Auch Menschen mit Epilepsie sollten Sport treiben. Gründe für ein allgemeines Sportverbot gibt es nicht.
  • Durch Sport können die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität verbessert und Begleiterkrankungen wie Angstzustände und Depressionen positiv beeinflusst werden.
  • Die Wahl der Sportart hängt neben deren Risikoprofil von individuellen Faktoren des Patienten ab.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Patienten mit Epilepsie weniger körperlich aktiv und weniger körperlich leistungsfähig sind als Gesunde. Das muss aber nicht sein. Dabei sollten vor allem Kinder auch mit Epilepsie am Schulsport teilnehmen. Einerseits kann das die kognitive Funktion verbessern, anderseits beugt dies sozialer Ausgrenzung vor. Andere Studien zeigten positive Auswirkungen auf häufige Begleiterkrankungen wie Angstzustände und Depressionen.

Besserung der Epilepsie durch Sport?

Nun stellt sich die Frage, ob auch die Epilepsie von Bewegung profitiert oder ob die Anfallshäufigkeit durch Sport zunehmen kann. Dies wurde von insgesamt 21 Studien untersucht. Während körperlicher Belastung traten keine Anfälle auf, epileptische Entladungen – also Auffälligkeiten bei der Hirnstrommessung (EEG) – waren sogar seltener und die Krampfschwelle war erhöht (also Anfälle weniger wahrscheinlich). Allerdings traten diese in manchen Studien dann vermehrt in der Erholungsphase auf. Soviel zu Studien, die nur einmalige Belastungen betrachteten.

Bei längerfristigen Trainingsprogrammen oder Befragungen sehen die Ergebnisse durchwachsen aus. Manche konnten eine reduzierte Anfallshäufigkeit in den Trainingsgruppen und bei höherer körperlicher Aktivität feststellen, bei anderen waren keine Veränderungen oder sogar häufigere Anfälle zu beobachten. Letzteres war allerdings seltener. In den meisten Studien wurde die Anfallshäufigkeit nicht nach Ursache der Epilepsie getrennt berichtet. Aus Tierversuchen geht jedoch eine reduzierte Anfallshäufigkeit durch körperliche Aktivität bei den meisten Tieren hervor.

Können Krampfanfälle durch Sport ausgelöst werden?

Trotzdem kann es bei manchen Menschen sein, dass Anfälle durch Sport ausgelöst werden. Gründe können die beim Sport erhöhte Körpertemperatur und das vermehrt anfallende CO² sein. Daher sollten sich Patienten mit Epilepsie von ihrem Arzt beraten lassen, welche Sportarten sicher auszuüben sind. Mannschaftssportarten, Tanzen und Golf sind meist mit einem geringen Risiko verbunden. Vor der Ausübung von Sportarten mit mittlerem (Alpinskifahren, Turnen und Schwimmen) oder hohem Risiko (Klettern, Motorsport, Surfen, Tauchen, Fliegen, Fallschirmspringen) ist eine ärztliche Beratung umso wichtiger. Besonders Wassersportarten erfordern eine sorgfältige Risikobeurteilung, da mit einem Krampfanfall auf dem Wasser ein hohes Ertrinkensrisiko einhergeht. Auch Fahrradfahren ist mit einem erhöhten Verletzungsrisiko verbunden.

Somit fließen verschiedene Faktoren in die Beurteilung der Sportfähigkeit ein:

  • Sportart
  • Wahrscheinlichkeit, dass ein eplieptischer Anfall auftritt
  • Gewöhnliche Art und Ausmaß epileptischer Anfälle
  • Prodrome
  • Überwachung durch Dritte während des Sports
  • Risikobereitschaft des Patienten

Ansonsten ist die Freigabe für die verschiedenen Sportarten abhängig von Art und Häufigkeit der Anfälle. Menschen, die einen einmaligen oder auch mehrere symptomatische Krampfanfälle – also Anfälle, die durch Vergiftungen, Infektionen oder Stoffwechselentgleisungen verursacht wurden – hatten, können sofort Sportarten mit geringem Risiko ausüben, wenn die zugrundeliegende Störung behoben ist. Hier spricht man auch nicht von einer Epilepsie.

Welche Sportarten sind mit Epilepsie wann möglich?

Für Sportarten mit mittlerem und hohem Risiko sollte der Neurologe befragt werden. Die gleiche Verfahrensweise gilt auch für einen einmaligen epileptischen Anfall, der bereits mehr als 12 Monate her ist. Ein frühere Freigabe kann durch einen Neurologen erfolgen. Bei allen Menschen mit Epilepsie sollten entsprechend den Empfehlungen zur Fahrtauglichkeit alle Sportarten nach 12 Monaten Anfallsfreiheit möglich sein.

Wenn in den letzten 10 Jahren kein Anfall mehr vorlag und seit mindestens 5 Jahren keine antiepileptische Medikation eingenommen wird, gilt die Epilepsie als nicht mehr vorhanden und es ist die Teilnahme an allen Sportarten möglich. Bei Veränderungen an der Medikation insbesondere bei der Reduktion sollten Sportarten mit mittlerem und hohen Risiko für einen Zeitraum von 6 Monaten gemieden werden.

Bei 12-monatiger Anfallsfreiheit oder Menschen, bei denen die Epilepsie nicht mehr fortbesteht, sind Sportarten aller Risikogruppen möglich. Generell sind Sportarten mit geringem Risiko bei fast allen Menschen mit Epilepsie unproblematisch. Lediglich bei wiederkehrenden Anfällen mit Bewusstseinstrübung und nach der Reduktion oder dem Absetzen antiepileptischer Medikamente bestehen Einschränkungen.

Epilepsie durch Sport vorbeugen?

In einer Kohorte von 1.173.079 wehrpflichtigen Männern im Alter von 18 Jahren konnte ein protektiver Effekt von körperlicher Fitness festgestellt werden. Männer mit einer geringen Fitness erkrankten in den Folgejahren 1,79-mal häufiger an Epilepsie.

Zusammenfassung

Sport kann bei Menschen mit Epilepsie die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern und Begleiterkrankungen wie Angstzustände und Depressionen positiv beeinflussen. Der Einfluss auf die Anfallshäufigkeit ist nicht eindeutig geklärt, tendenziell treten aber eher weniger Anfälle auf. Einen Grund für ein allgemeines Sportverbot gibt es nicht.

Quellen

van den Bongard, F., Hamer, H.M., Sassen, R. & Reinsberger, C. (2020). Sport and physical activity in epilepsy—a systematic review. Dtsch Arztebl Int, 117(1-2), 1–6.

Capovilla, G., Kaufman, K. R., Perucca, E., Moshe, S. L., & Arida, R. M. (2016). Epilepsy, seizures, physical exercise, and sports: a report from the ILAE Task Force on Sports and Epilepsy. Epilepsia, 57(1), 6-12.

Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 115 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.