Transfrauen im Sport – fair oder unfair?

Transfrauen im Sport - fair oder unfair?
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Die Erfolge von Transfrauen wie Laurel Hubbard haben zu kontroversen Debatten im Sport geführt, ob die Teilnahme von Transfrauen an den Frauenwettkämpfen fair ist. Wenn Transfrauen unfaire Vorteile haben, stellt sich zudem die Frage, wie man dieses Spannungsverhältnis zwischen Fairness und Inklusion auflösen kann.

Auf einen Blick

  • Die Teilnahme von Transfrauen im Frauensport hat zu Kontroversen geführt. Einerseits sollten sie teilnehmen dürfen, um dem Prinzip der Inklusion gerecht zu werden, andererseits sollten sie keine unfairen Vorteile haben.
  • Nachdem in den Leitlinien des IOC von 2004 noch eine operative Geschlechtsumwandlung Voraussetzung war, beschränkte sich die Leitlinie von 2015 auf einen geforderten Testosteronspiegel von weniger als 10 nmol/L für mindestens 12 Monate. In der neusten Fassung fallen alle diese Kriterien weg, Beschränkungen werden an die internationalen Sportverbände delegiert.
  • Auch wenn es keine direkten Untersuchungen über die Leistungsvorteile von Transfrauen gibt, zeigt sich in der weiteren Literatur doch ein Leistungsvorteil von Männern und höheren Testosteronspiegeln. Die Vorteile eines biologischen Mannes bleiben auch unter Hormontherapie zum Teil erhalten.
  • Ex existieren verschieden Vorschläge, um hier eine Lösung für die faire Inklusion von Transfrauen zu finden. Aktuell orientieren sich die meisten Verbände an den Testosteronspiegeln.

Transgender im Sport – viel Konfliktpotential?

Seit den Erfolgen der ersten Transfrauen wird teilweise heiß diskutiert, ob diese an Frauenwettkämpfen teilnehmen sollten. Nachdem in den Richtlinien des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch 2004 eine operative Geschlechtsumwandlung Voraussetzungen für die Teilnahme bei den Frauen war, war ab 2015 nur noch der Nachweis eines Testosteronspiegels von weniger als 10 nmol/L für mindestens 12 Monate notwendig (Knox et al., 2019). Mit dem neuen Framework fällt aber auch diese Grenze weg. Die Verantwortlichkeit für Beschränkungen fällt nun in Hand der internationalen Sportverbände (IOC, 2021).

Dieses Thema bietet viel Sprengstoff und schon durch das Aufbringen der Frage, ob Transfrauen einen unfairen Vorteil haben, könnten sich manche angegriffen fühlen. Die Inklusion hat ohne Frage eine große Bedeutung – nicht nur im Sport. Aber die Fairness sollte nicht unberücksichtigt bleiben (Knox et al., 2019). Daher betrachten wir zunächst, ob es einen Leistungsvorteil für Transfrauen gibt und gehen dann auf verschiedene Vorschläge ein, wie Transgender-Sportler in den Sport integriert werden können.

Begrifflichkeiten

Für diejenigen, die sich noch nicht intensiver mit dem Thema Transgender auseinandergesetzt haben, klären wir hier zunächst ein paar Begrifflichkeiten.

  • Beim Geschlecht wird unterschieden zwischen „Sex“ und „Gender“. In der deutschen Sprache gibt es diese Unterscheidung nicht. „Sex“ bezieht sich dabei auf das biologische Geschlecht, welches durch die Reproduktionsorgane, Hormone und Chromosomen charakterisiert wird. Meistens wird das biologische Geschlecht anhand der Geschlechtsorgane festgelegt (Knox et al., 2019).
  • Bei Intersexualität liegen biologische Merkmale beider Geschlechter vor. Manche Merkmale sind männlich, andere weiblich (Knox et al., 2019). Auf Intersexualität gehen wir in diesem Artikel aber nicht im Detail ein.
  • Gender“ hingegen bezeichnet das soziale Geschlecht bzw. die Geschlechtsidentität. Cisfrauen sind dabei Frauen, bei denen das biologische Geschlecht und die Geschlechtsidentität übereinstimmen. Transfrauen sind biologische Männer, die sich als Frauen identifizieren, Transmänner entsprechend biologische Frauen, die sich als Männer identifizieren. Hier spricht man von Transgender oder Transsexualität. Zur Prävalenz von Transsexualität gibt es lediglich Schätzungen, diese gehen von 15.000 bis 25.000 Betroffenen in Deutschland aus (Meyer et al., 2020). Für den größten Teil dieses Artikel meinen wir mit Transfrauen solche, deren Hoden noch nicht operativ entfernt wurden und die dadurch weiterhin erhöhte Testosteronspiegel haben.
  • Inklusion bezeichnet den Gedanken, dass alle Sportler eingeschlossen werden sollten. Fairness bedeutet, dass alle Sportler von ungefähr dem gleichen Ausgangspunkt starten (Knox et al., 2019).

IOC Transgender Leitlinie – Wandel über die Jahre

In der Fassung der IOC Leitlinien von 2015 wurden folgende Voraussetzungen gefordert, damit Transfrauen an Frauenwettkämpfen teilnehmen konnten (Knox et al., 2019):

  • Das Gender muss seit mindestens 4 Jahren weiblich sein.
  • Der Testosteronspiegel muss für mindestens 12 Monate geringer als 10 nmol/L sein.

Damit war keine operative Geschlechtsumwandlung mehr notwendig, wie das noch in den Leitlinien von 2004 gefordert wurde. Dort waren die Hormonbehandlung und bei Transfrauen auch die Entfernung der Hoden Voraussetzung (Knox et al., 2019).

In der nochmals überarbeiteten Fassung des IOC Frameworks finden sich auch die Grenzen bezüglich der Testosteronspiegel nicht mehr wieder (IOC, 2021). Hier wird nun gefordert, dass keine Sportler aufgrund von „unbestätigten, angeblichen oder vermeintlichen unfairen Wettbewerbsvorteilen aufgrund ihrer Geschlechtsunterschiede, ihres Aussehens und/oder ihres Transgender-Status“ von Wettkämpfen ausgeschlossen werden sollen (IOC, 2021). Zudem fordert das Framework klare und robuste Evidenz über die Vorteile von Transgender-Sportlern, bevor diese von Wettkämpfen ausgeschlossen werden (IOC, 2021). Die Entscheidung über den Ausschluss trifft aber nicht das IOC. Diese Verantwortung delegiert das IOC an die internationalen Sportverbände.

Kritik am IOC Framework

Die Kritik am neuen IOC Framework ließ nicht lange auf sich warten. In einem gemeinsamen Positionspapier der International Federation of Sports Medicine (FIMS) und European Federation of Sports Medicine Associations (EFSMA) bemängeln die Autoren, das Papier des IOC sei hauptsächlich aus Menschenrechtsperspektive geschrieben und medizinische und wissenschaftliche Fragen fänden darin wenig Berücksichtigung (Pigozzi et al., 2022).

Besonders wird kritisiert, dass grundsätzlich von keinem Vorteil für Transgender-Athleten ausgegangen wird – auch nicht durch höhere Testosteronwerte. Jedoch zeigen Studien, dass Testosteron ein Hauptfaktor für eine Erhöhung der Muskelmasse und Leistung bei Sportlern ist. Zudem erhöht Testosteron die fettfreie Körpermasse, was maßgeblich für die Leistungsunterschiede zwischen Frauen und Männern verantwortlich ist. Diese leistungssteigende Wirkung findet auch bei der WADA Berücksichtigung, die Testosteron deshalb als Dopingmittel grundsätzlich verbietet (Pigozzi et al., 2022).

Auch die Tatsache, dass keine invasiven Untersuchungen durchgeführt werden sollten, stehe im Widerspruch zu Empfehlungen endokrinologischer und gynäkologischer Fachgesellschaften. Zudem wären die aktuellen Auswahlkriterien einiger internationaler Organisationen dann nicht mehr durchsetzbar. Darüber hinaus werden die Regulierungen den internationalen Sportorganisationen vollständig überlassen. Dabei macht das IOC jedoch sehr enge Vorgaben, die nicht alle Organisationen umsetzen können (Pigozzi et al., 2022).

Letzten Endes bleiben laut den Autoren zwei Extreme, wozu diese Leitlinien führen könnten:

  1. Ausschluss von Transgender-Sportlern und Sportlern mit Störungen der sexuellen Entwicklung aufgrund von Leistungsvorteilen.
  2. Wegfall aller Beschränkungen, somit tritt jeder Sportler in der Geschlechtskategorie an, der er sich zugehörig fühlt.

Die Autoren vertreten den Standpunkt, dass Transsportler nicht ausgeschlossen werden sollten, für eine Teilnahme bei den Frauen aber Testosteronwerte von weniger als 5 nmol/L notwendig seien (Pigozzi et al., 2022).

Haben Transfrauen Vorteile im Sport?

Bisher gibt es kaum direkte Studien zu Transsportlern und deren Leistung. Die Position des IOC geht zunächst erstmal davon aus, dass Transfrauen keine Leistungsvorteile haben. Da im aktuellen Framework keine Hormontherapie oder operative Geschlechtsumwandlung mehr gefordert wird, würde das im Extremfall bedeuten, dass biologische Frauen gegen einen biologischen Mann antreten müssen. Wir werfen daher zunächst einen kurzen Blick auf Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen, bevor wir auf die Rolle der Testosteronspiegel eingehen, um die Position der Kritiker näher zu beleuchten.

Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen im Sport

Auch wenn mit Beginn des Frauensports die Leistungsunterschiede zwischen Männern und Frauen schnell abnahmen, haben sich diese bei einer Differenz von etwa 10% stabilisiert. Sie sind am geringsten im Schwimmen und am größten in der Leichtathletik (Reynolds & Hamidian Jahromi, 2021). Als wesentlicher Grund hierfür werden die höheren Testosteronspiegel bei Männern angenommen. Vor Beginn der Pubertät sind noch keine Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen festzustellen. Eine genauere Auflistung der Unterschiede nach Sportart und deren physiologischer Grundlagen findest du in unserem Artikel zu Leistungsunterschieden zwischen Mann und Frau im Sport.

Welchen Vorteil bieten hohe Testosteronspiegel?

Im Allgemeinen ist Testosteron von zentraler Bedeutung für Kraft, Schnelligkeit und Erholung. Männer haben mehr Muskelmasse und weniger Körperfett als Frauen. Testosteron ist dabei der wichtigste Mediator der Muskelmasse. Zudem hat Testosteron einen starken Einfluss auf die Knochenstruktur und -stärke. Männer haben ca. 10 % mehr Knochenoberfläche, was auch mehr Ansatzfläche für Muskeln bietet. Die Oberkörperkraft bei Männern ist etwa 44 % größer als bei Frauen, was Vorteile bei Sportarten wie Boxen, Gewichtheben und Skifahren mit sich bringt (Knox et al., 2019).

Die durch Östrogen vermittelten Veränderungen bei Frauen können sich hingegen nachteilig auswirken. Es entwickelt sich ein weiteres Becken, welches unter anderem zu einer geringeren Muskelrekrutierung führt und Frauen dadurch langsamer macht. Frauen haben durchschnittlich ein höheren Körperfettanteil, auch auf Hochleistungsniveau (Männer 5-10%; Frauen 8-15%) (Knox et al., 2019).

Auch die Sauerstoffversorgung wird durch Testosteron beeinflusst. Männer haben ein größeres Lungenvolumen und größere Herzen. Frauenherzen sind im Durchschnitt 15 % kleiner und haben ein ca. 33 % geringeres Schlagvolumen. Insgesamt haben Männer damit auch ein leistungsfähigeres Herz-Kreislauf-System, welches maßgeblich durch das Testosteron vermittelt wird (Knox et al., 2019).

Hohes Testosteron bei Frauen

So weit so gut. Doch wie sieht es aus, wenn Frauen höhere Testosteronspiegel haben? Zwar können Frauen nicht durch höhere Testosteronspiegel den Leistungsrückstand zu den Männern aufholen, bessere Leistungen sind trotzdem möglich. Manche Frauen produzieren von Natur aus zu viel Testosteron – z.B. bei PCOS (polyzystischem Ovarsyndrom). Davon gibt es im Leistungssport überzufällig viele, weshalb es in der Vergangenheit auch hier zu Regulierungen gekommen ist. Es hat sich gezeigt, dass diese Frauen in der Leichtathletik etwa 3% bessere Leistungen bringen (Bassett et al., 2020).

Bestehen Leistungsvorteile auch bei geringeren Testosteronspiegeln?

Selbst wenn hohe Testosteronspiegel von Vorteil sind, bleibt fraglich, inwiefern eine Absenkung des Testosteronspiegels die männliche Physiologie nachhaltig verändert. So zeigte sich bei jungen Männern, dass sich die Muskelmasse nicht signifikant veränderte, wenn der Testosteronspiegel unter 8,8 nmol/L gehalten wurden. Zudem konnte dem Muskelmasseverlust durch Training entgegengewirkt werden. Auch die Knochenstruktur, das Lungenvolumen und die Herzgröße werden sich nicht oder nur wenig durch eine Hormontherapie verändern (Knox et al., 2019).

So stellten auch Reynolds und Hamidian Jahromi (2021) fest, dass die muskulären Vorteile bei einer Testosteronsuppressionstherapie weitgehend erhalten bleiben. Sie argumentieren, dass es keinen klaren Anhalt dafür gibt, dass die höheren Testosteronspiegel für die Leistungsunterschiede zwischen Trans- und Cisfrauen verantwortlich sind (Reynolds & Hamidian Jahromi, 2021).

Wiik et al. (2020) stellten fest, dass die Muskelkraft bei Transmännern nach einer einjährigen Hormonbehandlung zunahm. Die Muskelkraft bei Transfrauen nahm jedoch nicht entsprechend ab, sie konnten ihre Kraft nach einem Jahr weitgehend erhalten. Die Testosteronspiegel lagen dabei weitgehend unter 2 nmol/L. Bei den Probanden handelte es sich aber nicht um Sportler.

Roberts et al. (2020) untersuchten, wie transgeschlechtliche Soldaten, die sich einer Hormonbehandlung unterzogen, bei Fitnesstests abschlossen. Bei den Transfrauen hatten sich die Leistungen bei den Liegestützen und Sit-Ups nach 2 Jahren den Frauen angeglichen. Allerdings liefen sie über 1,5 Meilen immer noch 12% schneller.

Vorteile von Transfrauen bleiben trotz Suppressionstherapie

Zusammenfassend lassen sich Leistungsvorteile bei Transfrauen feststellen und auch mit geringeren Testosteronspiegeln bleiben gewisse Vorteile der männlichen Physiologie erhalten. Eine Begrenzung der Testosteronspiegel ist wohl sinnvoll, da eine leistungssteigernde Wirkung kaum zu bestreiten ist. Schließlich wird es auch von der WADA verboten. Entsprechend der älteren IOC Guidelines (Testosteron < 10 nmol/L) wären bei Transfrauen aber immer noch Testosteronspiegel, die um das Fünffache über dem normalen Bereich anderer Frauen liegen, erlaubt (Knox et al., 2019). Andere Sportorganisation haben daher diese Grenze auf 5 nmol/L gesenkt. Aber auch bei dieser Grenze ist es fraglich, ob allen Vorteilen der Transfrauen begegnet werden kann.

Ist Testosteronsuppression medizinisch unnötig?

So gibt es auch eine rege Diskussion darüber, ob die Testosteronsuppression medizinisch notwendig ist. Basierend auf den Daten, die zeigen, dass Testosteron nicht alleine für die Leistungsunterschiede verantwortlich ist, halten dies einige Autoren für nicht medizinisch notwendig.

Eine Gegenposition hierzu vertreten die Autoren des Positionspapiers der FIMS und EFSMA. Die Haltung, dass die medikamentöse Behandlung von Transgender-Sportlern als medizinisch unnötig abgetan wird, ist für sie nicht nachvollziehbar. Das widerspreche Daten, die besagen, dass diese Behandlung zur Verbesserung der Lebensqualität und Stimmung beitrage. So decke sich dies auch mit dem Konsens der Autoren, dass der Testosteronspiegel unter 5nmol/L sein sollte (Pigozzi et al., 2022).

Haben Transfrauen einen fairen oder unfairen Vorteil?

Nicht alle Sportler haben die gleichen Voraussetzungen und manche hatten etwas mehr Glück bei der genetischen Lotterie oder kommen aus einem besseren sozioökonomischen Umfeld, wo sie besser gefördert werden. So gibt es ohnehin Unterschiede zwischen Sportlern, jedoch stellt sich die Frage, ab wo es anfängt, unfair zu sein. Knox et al. (2019) nennen drei Kriterien, warum Transfrauen einen unfairen Vorteil haben:

  • Cisfrauen können diese Testosteronspiegel nicht auf natürlichem Wege erreichen und dürfen auch kein Testosteron einnehmen.
  • Der Vorteil erstreckt sich über fast alle Sportarten. Sportler mit unterschiedlichen Körpergrößen können sich Sportarten suchen, bei denen ihre jeweilige Körpergröße vorteilhaft ist. Mit hohen und niedrigen Testosteronspiegeln funktioniert das nicht.
  • Der Vorteil ist von substanzieller Größe. Die IAAF sagt hierzu: „Nach unserem besten Wissen gibt es kein anderes genetisches oder biologisches Merkmal, das in der weiblichen Leichtathletik einen so großen Leistungsvorteil verschafft“.

Lösungsvorschläge

Wie kann man also für einen fairen Wettkampf sorgen, ohne dass Transsportler von Wettkämpfen ausgeschlossen werden müssen. Schließlich besitzt neben der Fairness auch die Inklusion einen hohen Stellenwert im Sport. Es wurden verschiedene Lösungen vorgeschlagen, wie man eine Balance zwischen Inklusion und Fairness herstellen kann:

  • Transfrauen vom Sport ausschließen. Das würde zwar der Fairness Rechnung tragen, dem Prinzip der Inklusion aber nicht genügen (Knox et al., 2019).
  • Transfrauen nehmen in der Frauenwertung teil, also entsprechend ihrer Genderidentität. Das würde der Inklusion Rechnung tragen, widerspricht aber dem Prinzip der Fairness, da Leistungsvorteile bestehen (Knox et al., 2019).
  • Die maximalen Testosteronspiegel weiter absenken. Einige Sportorganisationen haben die maximal zulässigen Testosteronspiegel für Transfrauen auf unter 5 nmol/L abgesenkt. Dies würde aber den Leistungsvorteilen durch ihre frühere männliche Physiologie nicht Rechnung tragen (Knox et al., 2019).
  • Abschaffung aller Genderkategorien und Zulassen, dass alle Sportler durch Testosteroneinnahme auf die gleichen Testosteronspiegel kommen. Auch dieser Vorschlag würde nicht den Leistungsvorteilen durch die frühere männliche Physiologie Rechnung tragen (Knox et al., 2019). Einige physiologische Vorteile durch die langjährige Wirkung des Testosterons im Wachstums können zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr erreich werden.
  • Eine dritte Kategorie für Transfrauen und intersexuelle Frauen schaffen oder noch durch weitere Kategorien ergänzen. Je mehr Kategorien geöffnet werden, desto geringer wird dort aber die Konkurrenz und Sportler können nicht in der Kategorie antreten, mit der sie sich identifizieren (Knox et al., 2019).
  • Eine dritte Genderkategorie, wo alle teilnehmen können, die sich rechtlich dem dritten Gender („divers“) zuordnen. Das würde allerdings diejenigen außen vor lassen, die sich diesem dritten Gender nicht zugehörig fühlen (Reynolds & Hamidian Jahromi, 2021).
  • Eine dritte „offene“ Genderkategorie: hier können alle teilnehmen, es gibt keine Auswahlkriterien und die Teilnahme hängt auch nicht davon ab, ob man „divers“ ist (Reynolds & Hamidian Jahromi, 2021).
  • Eine algorithmische Lösung, wo nicht nur Gender, sondern auch der sozioökonomische Status und physiologische Parameter einfließen. Der Algorithmus müsste sportartspezifisch sein. Hier braucht es aber noch weitere Forschung, bevor dies umsetzbar wäre (Knox et al., 2019).

Zusammenfassung

Das IOC vertritt eine sehr inklusive Position und fordert robuste Evidenz über Leistungsvorteile, um das Ausschließen von Transfrauen zu rechtfertigen. Die Idee, die Verantwortung an die internationalen Sportverbände zu delegieren, ist grundsätzlich sinnvoll, da die Leistungsunterschiede sich je nach Sportart sehr unterschiedlich ausprägen können. Allerdings sind die Forderungen nach robuster Evidenz schwierig, da bisher kaum Studien vorliegen, zumal es vor allem im Leistungssport nur wenige Transsportlern gibt. Zudem haben nicht alle Verbände die Mittel, um solche Studien zu finanzieren.

Selbst wenn wir irgendwann diese Studien haben, stellt sich die Frage, wie man bis dahin verfährt. Hier erscheint es zweckmäßig, auf die „best available evidence“ zurückzugreifen. Diese zeigt einen Leistungsvorteil von Transfrauen, der zu einem wesentlichen Teil – aber nicht vollständig – durch höhere Testosteronspiegel zu erklären ist. Es ist daher fraglich, ob das weitere Absenken des Testosterons die vollständige Lösung ist. Auch wenn Transfrauen einen unfairen Leistungsvorteil haben, sollten sie nicht grundsätzlich von Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Ein fairer Wettkampf sollte aber auch im schützenswerten Frauensport ohne Frage weiter gewährleistet sein.

Quellen

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Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 115 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.