Arthroserisiko nach Kreuzbandriss

Arthroserisiko nach Kreuzbandriss

Wie hoch ist das Arthroserisiko nach einem Kreuzbandriss und kann eine Operation dabei helfen, das Risiko zu senken? Häufig wird davon ausgegangen, dass eine Kreuzbandrekonstruktion das Arthroserisiko senkt. Das Arthroserisiko ist aber grundsätzlich nach einem Kreuzbandriss – und auch nach anderen Knieverletzungen – erhöht.

Auf einen Blick

  • Das Arthroserisiko ist nicht nur nach Kreuzband- und Meniskusverletzungen erhöht, sondern auch nach anderen Knieverletzungen wie Luxationen.
  • Bei einem Kreuzbandriss schützt eine Kreuzbandrekonstruktion entgegen der weitläufigen Meinung nicht vor einer Arthrose des Kniegelenks.
  • Nach 10-20 Jahren entwickeln etwa 50% der Patienten mit Kreuzbandverletzungen eine Arthrose des Kniegelenks.

Wie häufig ist eine Arthrose nach Kreuzbandriss?

Das Arthroserisiko nach einer Kreuzbandverletzung wurde in verschiedenen Studien untersucht. Bereits vor etwa 20 Jahren untersuchten Lohmander et al. (2004) eine Kohorte mit 84 Frauen, die zum Zeitpunkt der Verletzung in den ersten beiden schwedischen Ligen Fußball spielten. Die Nachuntersuchung fand nach einem Zeitraum von durchschnittlich 12 Jahren statt, das Durchschnittsalter war 31 Jahre. 62% dieser Frauen wurden am Kreuzband operiert, allerdings im Schnitt erst 3 Jahre nach der Verletzung. Eine Arthrose bestand, wenn zweitgradige Gelenkspaltverschmälerung oder Osteophyten oder die Kombination aus erstgradiger Gelenkspaltverschmälerung und Osteophyten in mind. einem Kompartiment vorlagen. 7/84 Frauen spielten immer noch Fußball im organisierten Sport, 13 Frauen gaben an auf dem gleichen Aktivitätsniveau wie vor der Verletzung zu sein.

Von den 67 Frauen die einer Röntgenuntersuchung des Kniegelenks zustimmten, fand man bei 51% eine Arthrose. 82% dieser Knie verursachten Beschwerden. Eine tibiofemorale Arthrose fand sich bei 32 von 67 verletzten Kniegelenken, bei 7 Knien war zusätzlich eine Patellofemoralarthrose festzustellen und bei 2 zusätzlichen Knien war eine isolierte Patellofemoralarthrose zu finden. Auf der unverletzten Gegenseite war nur bei 7% der Knie eine Arthrose festzustellen. Bei operierten Knien fand sich in 56% der Fälle eine Arthrose, bei den nicht operierten nur bei 42% der Frauen. Einschränkend muss gesagt werden, dass die Erhebung 1998 stattfand und sich zumindest die operativen Verfahren von den heutigen unterscheiden können.

Weitere Untersuchungen bestätigen Arthroserisiko nach Kreuzbandriss

Auch weitere Untersuchungen bestätigen diese Untersuchung. Lohmander et al. (2007) fanden in der Literatur angegebene Arthroseraten von 10-90% nach 10-20 Jahren. Ein zuverlässiger Mittelwert ist bei so variablen Zahlen schwierig anzugeben, sie nehmen aber eine durchschnittliche langfristige Arthroserate von 50% an.

Janssen et al. (2013) fanden in ihrer Fallserie mit 100 arthroskopisch kreuzbandrekonstruierten Patienten nach 10 Jahren bei 53,5% der Patienten eine Arthrose. Von diesen Patienten hatten 72% schon bei der Kreuzband-OP Knorpelläsionen. Eine (Teil-)Entfernung des Innenmeniskus ging dabei mit einem 4fach erhöhten Arthroserisiko einher.

Brinlee et al. (2022) fassen zusammen, dass sich nach 10-20 Jahren bei insgesamt etwa 50% der Patienten eine Arthrose entwickelt. Von denen, die zusätzlich eine Meniskusteilresektion erhalten, entwickeln 21-48% innerhalb von 10 Jahren eine Arthrose.

Kann das Arthroserisiko durch eine Kreuzbandoperation gesenkt werden?

Bei der Frage, ob ein Kreuzbandriss operiert werden sollte oder nicht, gehen viele davon aus, dass eine Operation das Arthroserisiko senkt. Ruano et al. (2017) stellte jedoch heraus, dass die Prävalenz einer Arthrose nach Kreuzbandverletzungen relativ unabhängig von der Behandlung ist. Arthrose trat laut einem systematischen Review bei 32,6-51,2% der Patienten mit Kreuzbandrekonstruktion und bei 24,5-42,3% der Patienten mit konservativer Behandlung. Dabei war eine Arthrose deutlich häufiger, wenn auch der Meniskus (teilweise) entfernt wurde. Daten aus der KANON-Studie haben gezeigt, dass nach 5 Jahren bei 26% eine Arthrose auftritt – unabhängig davon, ob man operiert oder nicht.

In einer relativ neuen Untersuchung führte die OPTIKNEE Arbeitsgruppe (Whittaker et al., 2022) ein systematisches Review durch, um Risikofaktoren für eine posttraumatische Arthrose herauszufinden. Dabei zeigte sich, dass viele Knieverletzungen das Arthroserisiko erhöhen, dieses aber am höchsten bei Kreuzband- und Meniskusverletzungen sowie Luxationen und Mehrfachverletzungen ist. Zudem gibt es eine Tendenz, dass eine Kreuzbandrekonstruktion das Risiko erhöht. Der Einfluss einer Meniskusnaht und der Rückkehr in kniebelastende Sportarten ist unklar. Zudem gibt es dezente Hinweise darauf, dass eine frühe Kreuzbandrekonstruktion mit einem höheren Risiko einhergeht als eine späte. Sie weisen besonders darauf hin, dass eine Kreuzbandrekonstruktion nicht vor Arthrose schützt und dass die Rückkehr in kniebelastende Sportarten (pivoting sports) nicht unbedingt das Risiko erhöht.

Fazit

Entgegen früherer Annahmen scheint eine Kreuzbandrekonstruktion nicht vor einer Arthrose des Kniegelenks zu schützen. Das Arthroserisiko ist generell nach Kreuzbandverletzungen erhöht und wird weiter erhöht, wenn im Rahmen der Operation auch der Menikus (zum Teil) entfernt wird. Insgesamt liegt das langfristige Arthroserisiko nach einer Kreuzbandverletzung bei etwa 50%.

Quellen

Brinlee, A. W., Dickenson, S. B., Hunter-Giordano, A., & Snyder-Mackler, L. (2022). ACL Reconstruction Rehabilitation: Clinical Data, Biologic Healing, and Criterion-Based Milestones to Inform a Return-to-Sport Guideline. Sports health, 14(5), 770–779.

Janssen, R. P., du Mée, A. W., van Valkenburg, J., Sala, H. A., & Tseng, C. M. (2013). Anterior cruciate ligament reconstruction with 4-strand hamstring autograft and accelerated rehabilitation: a 10-year prospective study on clinical results, knee osteoarthritis and its predictors. Knee surgery, sports traumatology, arthroscopy : official journal of the ESSKA, 21(9), 1977–1988.

Lohmander, L. S., Englund, P. M., Dahl, L. L., & Roos, E. M. (2007). The long-term consequence of anterior cruciate ligament and meniscus injuries: osteoarthritis. The American journal of sports medicine, 35(10), 1756–1769.

Lohmander, L. S., Ostenberg, A., Englund, M., & Roos, H. (2004). High prevalence of knee osteoarthritis, pain, and functional limitations in female soccer players twelve years after anterior cruciate ligament injury. Arthritis and rheumatism, 50(10), 3145–3152.

Ruano, J. S., Sitler, M. R., & Driban, J. B. (2017). Prevalence of Radiographic Knee Osteoarthritis After Anterior Cruciate Ligament Reconstruction, With or Without Meniscectomy: An Evidence-Based Practice Article. Journal of athletic training, 52(6), 606–609.

Whittaker, J. L., Losciale, J. M., Juhl, C. B., Thorlund, J. B., Lundberg, M., Truong, L. K., Miciak, M., van Meer, B. L., Culvenor, A. G., Crossley, K. M., Roos, E. M., Lohmander, S., & van Middelkoop, M. (2022). Risk factors for knee osteoarthritis after traumatic knee injury: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials and cohort studies for the OPTIKNEE Consensus. British journal of sports medicine, 56(24), 1406–1421.

Jonathan Häußer
Über Jonathan Häußer 117 Artikel
Jonathan Häußer ist Arzt in der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Sportwissenschaftler (B.A. Bewegungswissenschaft) mit einem besonderen Interesse für die Sport- und Notfallmedizin.